1 Einleitung 

Die Archive und Dokumentationsstellen der Medienbetriebe sind ein von der Kommunikationswissenschaft lange Zeit unbeachteter Teil der Organisation medialer Aussagenproduktion. Die wenigen Aufsätze, die zur Widerlegung dieser These angeführt werden könnten, sind exakt jene Ausnahmen, die es braucht, um eine Regel erst wirklich zu bestätigen.

Durch die Einführung neuer computergestützter Produktionstechnologien vor allem in Zeitungsbetrieben und der damit verbundenen Elektronisierung der Archive setzt nun allmählich eine Auseinandersetzung mit dem Thema ein. Im deutschsprachigen Raum nach wie vor zögerlich und eher am Rande von Abhandlungen, die sich in erster Linie mit Auswirkungen des Computers auf die journalistische Arbeit befassen. In den USA dagegen wurde in den letzten Jahren eine wahre Fülle von kommunikationswissenschaftlichen Arbeiten publiziert, in denen das Archiv im Fokus des Forschungsinteresses steht. Erste nennenswerte Ergebnisse haben nicht lange auf sich warten lassen. Ein Forscherteam der University of Minnesota mußte etwa feststellen, daß beinahe alle Studien, die seit den 60er Jahren den Prozeß der Nachrichtenproduktion beschrieben haben, die Rolle des Archivs als Informationsquelle ignorieren. Nicht falsch bewerten, nicht inadäquat einschätzen, nein, einfach ignorieren und unterschlagen. Es gibt keinen Anlaß, zu vermuten, daß die Situation im deutschsprachigen Raum anders wäre.

Wenn es zutrifft, daß Trends aus den Vereinigten Staaten sich mit einer gewissen Verzögerung auch in Europa niederschlagen, dann steht unsere Kommunikationswissenschaft an der Schwelle einer intensiven Auseinandersetzung mit Archivierung und Dokumentation in Medienbetrieben.

Das wirft eine zentrale Frage auf: Ressortiert das Thema überhaupt zur Publizistik- und Kommunikationswissenschaft? Wäre nicht eher die Informationswissenschaft, Dokumentationswissenschaft oder die Geschichtswissenschaft der »natürliche« Ort für eine Auseinandersetzung mit Medienarchiven? Nein.

Natürlich handelt es sich um eine Querschnittmaterie, und die dokumentationsfachlichen Aspekte sind in der Informations- und Dokumentationswissenschaft zu behandeln. Aber: Medienarchive erfüllen zentrale Funktionen für Journalismus und Gesellschaft. Diese einzuschätzen, aufzuzeigen und zu deren Weiterentwicklung beizutragen, ist genuine Aufgabe und Verantwortung der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Keine andere Wissenschaftsdisziplin hat Interesse an diesem Aspekt, keine andere Wissenschaftsdisziplin hat die Kompetenz für diesen Aspekt, und keine andere Wissenschaftsdisziplin hat die Verantwortung für diesen Aspekt. Einer detaillierten Ausführung dieser These ist ein Hauptabschnitt der vorliegenden Arbeit gewidmet. Engagierte Mediendokumentare und Dokumentarinnen haben oft genug auf das Ignorieren ihrer Arbeit durch die Publizistikwissenschaft hingewiesen.

Die Geschichtswissenschaft ist als letzter der betroffenen Wissenschaftsbezirke zu erwähnen. Das Interesse der Historiker, vor allem an Rundfunkarchiven, ist groß. Das hat vor allem damit zu tun, daß die audiovisuellen Bestände sehr interessantes Quellenmaterial darstellen, nicht zuletzt für Kommunikationshistoriker. Im Verständnis der vorliegenden Arbeit allerdings sind Medienarchive Serviceabteilungen von produzierenen Informationsunternehmen. Ihre Potential als historische Quellensammlungen ist ein komplett anderes Paar Schuhe und muß aus diesem Blickwinkel nicht berücksichtigt werden. Aus der Verwechslung des Servicebetriebes mit der Quellensammlung rühren einige Mißverständnisse und Irritationen, die zum wechselseitigen Verständnis von Wissenschaft und Praxis nicht gerade beigetragen haben.

Mit der abschließenden Erwähnung, daß bisher nicht eine kommunikationswissenschaftliche Arbeit vorliegt, die sich mit den österreichischen Medienarchiven auseinandersetzt, wäre der Hintergrund abgesteckt, vor dem die Zielsetzungen und die Struktur dieser Arbeit verständlich gemacht werden können. Das Selbstverständnis einer Arbeit, die ein weites und unerschlossenes Gebiet vor sich sieht, kann nur sein, eine möglichst solide Plattform für allfällige Folgeforschung bilden zu wollen. In diesem Sinne wurden als die markantesten Defizite die nach wie vor fehlende Nachweisführung der kommunikationswissenschaftlichen Relevanz sowie das geringe Verständnis der konkreten Problemstellungen und Arbeitsweisen von Medienarchiven eingeschätzt. Mit dem Anliegen, diese Defizite auszugleichen, korrespondieren die beiden Hauptkapitel "Leistungen und Funktionen der Mediendokumentation" sowie "Archivierung und Dokumentation in Medienbetrieben".

Das Kapitel "Leistungen und Funktionen" beginnt bei der unmittelbaren Nutzung dokumentarischen Materials durch Journalisten und erweitert seine Perspektive dann allmählich über eine Zusammenschau von allen möglichen Leistungen, die Archive für ihre Verlage erbringen können, bis hin zur gesellschaftlichen Dimension des Gegenstandes. Damit ist zumindest angedeutet, anhand welcher kommunikationswissenschaftlichen Fragestellungen das Thema weiter abgehandelt werden kann. Das Kapitel "Archivierung und Dokumentation" befaßt sich mit den grundlegenden Charakteristika dokumentarischen Arbeitens in Medienbetrieben. Der Weg einer sehr einfachen, kaum abstrahierenden Beschreibung wurde gewählt, um jenes grundsätzliche Verständnis für mediendokumentarisches Arbeitens zu gewährleisten, welches man von Kommunikationswissenschaftern nicht grundsätzlich erwarten muß, das aber notwendig sein wird, um jene Akzeptanz der Praktiker zu finden, die tätigkeitsfeldorientiertes wissenschaftliches Arbeiten erst möglich macht.

Um Problemstellungen und Arbeitsweisen authentisch beschreiben zu können, wurde auch eine Untersuchung der Situation in österreichischen Pressearchiven vorgenommen. Dabei wurden mit Hilfe von Fragebögen, durch Archivbesuche und Experteninterviews Daten erhoben, die im abschließenden Kapitel "Pressearchive in Österreich" dargestellt sind. Eine solche Darstellung liegt für Österreich hiermit erstmals vor. Auf einen Punkt ist schließlich noch gesondert hinzweisen. Der Anspruch der Arbeit, "Medienarchive" zu beschreiben, könnte mit guten Gründen beeinsprucht werden. Viele Ausführungen sind vorwiegend mit Beispielen aus der Presse- bzw. Textdokumentation belegt und die Berücksichtigung der Archive von elektronischen Medien konnte lediglich im unbedingt notwendigen Ausmaß geleistet werden. Bei der immer abzuwägenden Relation aus Breite und Tiefe der Analyse war eindeutig der Breite Priorität einzuräumen.Der Anspruch, "Medienarchive" an sich zu beschreiben, bleibt aufrecht. Spezifische Unterschiede, die nicht erfaßt werden konnten, detailliert herauszuzeichnen, muß von Folgearbeiten erwartet werden.

  2 Begriffsklärung: Archiv, Bibliothek, Information, Dokumentation

Öffnet man in einer österreichischen Redaktion die Tür mit der Aufschrift "Archiv", findet sich dahinter großteils eine Dokumentation. Das sollte nicht weiter irritieren. Selten sind in einem Arbeitsbereich die Tätigkeitsmerkmale und -bezeichnungen so verwirrend überlagert wie in jenem der Aufbewahrung und Vermittlung von Information. Als übergeordnete, vordergründig selbständige Einheiten gibt es zumindest "Archiv", "Bibliothek" sowie "Information und Dokumentation". Ob diese Arbeitsbereiche mehr Trennendes oder mehr Gemeinsames aufweisen, darüber geht der Streit der Fachleute. Die Abgrenzungs- und Integrationsdiskussion der Informationsberufe an dieser Stelle in ihrer gesamten Komplexität wiederzugeben, würde zu weit führen. Sie soll in der Folge allerdings soweit dargestellt werden, als sie für ein Verständnis der beruflichen Situation von Medienarchivaren und Archivarinnen von Belang ist. 

 2.1 Dokumentation

Im Brockhaus findet sich unter dem Begriff "Dokumentation" folgende Eintragung:

1) für die Fachinformation wesentliche Tätigkeit, die das systemat. Sammeln und Auswählen, das formale Erfassen, inhaltl. Auswerten und Speichern von Dokumenten umfaßt, um sie zum Zweck der gezielten Information rasch und treffsicher auffinden zu können.

2) der Presse-, Film-, Hörfunk- oder Fernsehbericht, der mit Quellen und Zeugnissen wie Texten, Bildern, Film-, Ton- oder Videoaufzeichnungen bestimmte Ausschnitte der geschichtl. oder gegenwärtigen Wirklichkeit nachgestaltet. " 

Für die vorliegende Arbeit sind beide Bedeutungen von Relevanz, obwohl in herkömmlicher theoretischer Literatur auf den unter Punkt 2) angesprochenen Wortsinn lediglich als unsystematische alltagssprachliche Zweitbedeutung verwiesen wird. Zwischen Dokumentation als Tätigkeit und Dokumentation als medialer Darstellungsform besteht nämlich, was im Kontext dieser Untersuchung unter anderem herauszuarbeiten sein wird, ein beträchtlicher innerer Zusammenhang.

Zunächst zu "Dokumentation" als Schlüsseltätigkeit von Informationsvermittlung:

Etabliert wurde der Begriff in seiner hier interessierenden Verwendung von dem Belgier Paul Otlet, der 1905 erstmals "das Sammeln, Ordnen und Verfügbarmachen von Dokumenten jeder Art auf allen Gebieten des menschlichen Handelns" als "Dokumentation" bezeichnete. Der Bedarf nach systematischer Dokumentation wurde von Otlet mit dem international unüberblickbaren Anwachsen an - vor allem unselbständiger - wissenschaftlicher Literatur begründet. Diese »Informationsflut« ist, wenn auch nicht unumstritten, bis heute eines der vitalsten Argumente der einschlägigen Zeitdiagnose geblieben. Auch Otlets Festlegung dient, von kleinen Modifizierungen abgesehen, bis in unsere Tage als Grundlage aller Definitionen von Dokumentation. Das neue Tätigkeitsfeld etablierte sich in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts allmählich und verstand sich als Protestbewegung gegen das allzu unbewegliche Bibliothekswesen. Es wird in zeitgenössischer Literatur auch tatsächlich mit einer gewissen revolutionären Konnotation als "Dokumentationsbewegung" bezeichnet.

An der Wiege der Dokumentation stand die Einsicht, den Benutzerinteressen auch in jene Wüsten der Informationswelt folgen zu müssen, in denen die ehrwürdige »East India Company« des herkömmlichen Bibliothekswesens noch keine Stützpunkte errichtet hatte.

In der Dokumentation wird, auf eine einfache Formel gebracht, eine tiefergehendere und stärker differenzierte inhaltliche Erschließung von Dokumenten betrieben, als sie durch die Standards des Bibliothekswesens gewährleistet ist. Der Anspruch lautet, daß ein Benutzer an eine Dokumentationsstelle mit einer wesentlich präziseren Fragestellung herantreten und dort eine repräsentativere Auswahl relevanterer Dokumente/Informationen erhalten können soll als in einer herkömmlichen Bibliothek. Eine Konsequenz daraus ist, daß Dokumentationen in der Regel sinnvollerweise nur mit genau umrissenen Zielen bzw. zu genau abgesteckten Themenbereichen betrieben werden können.

Allerdings muß angemerkt werden, daß der alleinstehende Begriff "Dokumentation" als Tätigkeitsbezeichnung aus Präzisionsgründen in der Fachdiskussion unserer Tage mehr oder weniger vollständig durch die umfassendere Bezeichnung "Information und Dokumentation" ersetzt worden ist. Dieser wiederum liegt eine etwas erweiterte Definition zugrunde. Bevor ausgeführt werden kann, welche Notwendigkeiten diesen Bezeichnungswandel angezeigt scheinen ließen, muß allerdings erst ein weiterer Terminus eingeführt bzw. problematisiert werden, nämlich jener der "Information".

 2.2 Information

Wohl kaum ein Begriff ist dermaßen weit verbreitet und gleichzeitig theoretisch derartig umstritten wie jener der "Information". All das, was in einzelnen Wissenschaftsdisziplinen und in der Alltagsverwendung jeweils als "Information" bezeichnet wird, aufeinander zu beziehen, ist ein Projekt, das bis heute als kaum glaubwürdig gelungen angesehen werden muß. Abgesehen von Wissenschaften, in denen der Humankommunikation ein zentrales Interesse gilt, gibt es elaborierte Informationsbegriffe beispielsweise in Physik, Biologie, Nachrichtentechnik, Kybernetik oder Philosophie. Einige bekannte Stichworte zu den jeweiligen Informationsverständnissen wären Entropie, DNS oder bit und byte. Der Kontext von Informationsbegriffen reicht von Thermodynamik über Evolution, Vererbung, Datenverarbeitung, Prozeßsteuerung, Selbstorganisation bis zur Erkenntnistheorie.

Im Bereich der Analyse menschlicher Kommunikation ist auf zwei modellhafte Beschreibungen bzw. Definitionen von Information besonders hinzuweisen:

Das wohl nach wie vor populärste Schema zur Beschreibung von Informationsphänomenen ist das "Sender -> Kanal -> Empfänger - Modell" von Shannon/Weaver. Es wurde von Claude Shannon, einem Mathematiker, entwickelt, um für eine Telefongesellschaft das Phänomen der elektronischen Signalübertragung und vor allem ihrer Störungen in einem Modell fassen zu können. Ein Sender wählt dabei aus einem definierten Code eine Reihe von Zeichen aus, die er über einen Kanal an einen Empfänger übermittelt, der diese wiederum decodiert. Entscheidend an dem Schema ist, daß es die innerhalb des Kanals möglicherweise vorkommenden Störungen (Rauschen) berücksichtigt.

Obwohl bereits der Mitautor Weaver darauf hinweist, daß dieses Modell der »Informationsübertragung« von Bedeutungen vollkommen abstrahiert, hat es dank seiner heuristischen Kraft auch Eingang in die Kommunikationswissenschaft gefunden und wird dort lebhaft rezipiert. Das Handikap, daß in diesem Modell jegliche Kommunikationsstörung mit der unbefriedigenden Metapher des Rauschens angesprochen werden muß, wird in Kauf genommen. Kurzgefaßt ist Information in diesem Sinn also die Übertragung von »etwas Kodiertem« zwischen Kommunikationspartnern.

Stark durchgesetzt hat sich auch der Ansatz, Information als "Korrelat zu Unkenntnis" bzw. "Reduktion von Ungewißheit/Unsicherheit" anzusehen. Einen großen Beitrag zur Etablierung dieses Informationsbegriffes leistete Gernot Wersig, der 1971 unter anderem festlegte: "Informationen sind Daten, die Ungewissheit verringern". Diese Definition scheint allerdings insofern etwas kurz zu greifen, als Information unter bestimmten Umständen Unsicherheit bzw. Ungewißheit auch erhöhen kann. Vor allem der Hinweis auf trivial als Informationsexplosion, -flut oder -lawine bezeichnete psychische Überlastungsphänomene legt diesen Einwand nahe.

Zu kritisieren scheint an beiden exemplarisch dargestellten Informationsverständnissen ("Information" als Übertragung von Zeichen und "Information" als Verringerung von Ungewißheit) auf jeden Fall eines zu sein: Es geht jeweils um einen bestimmten Teilaspekt eines insgesamt umfassenderen Prozesses, zu dessen Benennung dann allerdings der allgemeinste Oberbegriff herangezogen wird. In den dargestellten Fällen wird einmal lediglich der formale Übermittlungsaspekt und ein anderes Mal ausschließlich eine spezifische Wirkung von Informationen als "Information" schlechthin bezeichnet. Wersig unternimmt einen Versuch, seiner Meinung nach unzutreffenderweise gemeinsam als »Information« bezeichnete Phänomene nach Sachgesichtspunkten zu differenzieren und alternative Benennungen vorzuschlagen und kommt dabei auf 6 verschiedene Informationsbegriffe. Der Einfluß dieser schwerfälligen und umständlichen Typologisierung ist gering geblieben.

Untersuchungen der umgangssprachlichen Verwendung des Wortes "Information" zeigen, daß im Alltagsgebrauch der gesamte Prozeß der Wissensvermittlung genauso wie einzelne Aspekte desselben undifferenziert als "Information" bezeichnet werden. Was konkret gemeint ist, wird nur aus dem jeweiligen Zusammenhang klar. Ein einfaches Beispiel: eine Person A übergibt einer anderen Person B ein Stück Papier, auf dem die Adresse eines guten Zahnarztes notiert ist.

In umgangssprachlichen Darstellungen dieses Vorganges könnte man nun zumindest folgende trefflich unterscheidbaren Aspekte jeweils undifferenziert als "Information" bezeichnet finden: 

2. Die Tätigkeit von A: A informiert B; A betreibt Information (aktiv).

3. Der auf dem Papier wiedergegebene Sachverhalt: die Information darüber, wo der Zahnarzt wohnt.

4. Die auf dem Papier niedergeschriebene Zeichenstruktur: beispielsweise könnte die Information schwer lesbar sein.

5. Das Papier selbst: z.B., A holt die Information aus der Sakkotasche.

6. Die Kenntnisnahme durch B: B informiert sich, B betreibt Information (passiv).

7. Das Wissen von B nach dem Lesen: B besitzt nun ebenfalls die Information, wo der Zahnarzt wohnt . 

Diese Darstellung ließe sich unschwer, etwa nach dem Kriterium von Wahrheit bzw. Richtigkeit, weiter differenzieren. Nachdem aber weder Notwendigkeit noch Absicht einer umfassenden Typologisierung von Informationsverständnissen besteht, kann man das einfache Modell stehen lassen. Es war lediglich notwendig, eine im Sinne der weiteren Ausführungen ausreichende Sensibilisierung für die diversen Kontexte des Informationsbegriffes herbeizuführen.

Zu diesem Zweck scheint die Zusammenfassung in drei Begriffskomplexe ausreichend: 

  Grundlegende Begriffskomplexe von Information

Informationen Information im Sinne codierter Sachverhalte wie Texte,

Dokumente, Aussagen

informieren Information im Sinne der Übermittlung von Mitteilungen über Sachverhalte
Informiertheit Information im Sinne von Wirkung der Kenntnis von

Sachverhalten

 Daraus abgeleitet kann man sagen, daß der Aspekt der Abbildung eines Sachverhaltes als zentral für Information im kommunikationstheoretischen Zusammenhang anzusehen ist. Die Aspekte der Mitteilung bzw. Mitteilbarkeit sowie jener der Wirkung treten ergänzend hinzu. Entscheidende Dimensionen wie Nützlichkeit, Relevanz, Wahrheit oder Neuigkeit von Informationen wären in diesem Sinne keineswegs konstitutiv für Information an sich, sondern bloß subjektive Attribute. 

 2.3 Information und Dokumentation

Wie ist es nun dazu gekommen, daß jener Tätigkeitsbereich, der ursprünglich mit "Dokumentation" ausreichend bezeichnet schien, mittlerweile als "Information und Dokumentation" ("IuD", "I&D") firmiert?

Bei genauerem Hinsehen fällt auf, daß die Definition von Dokumentation sich bloß auf das selbstbezogene Verwalten von Dokumenten bezieht, das "... Sammeln, Ordnen und Verfügbarmachen ...", aber den Kontakt mit allfälligen Benutzern nur schwach impliziert. Die unbefriedigende Tätigkeitsbezeichnung rief den Begriff der "Information" (vor allem wohl im Sinne von Informationsvermittlung) auf den Plan. In den 60er Jahren floß dieser, vorerst zurückhaltend, in der Wortschöpfung "Dokumentation und Information" und dann in den 70ern bereits dominierend als "Information und Dokumentation" in den Bezeichner des Arbeitsbereiches ein.

Diese Bezeichnungsentwicklung ist äußerer Ausdruck einer Verschiebung des Tätigkeitsschwerpunktes und des Selbstverständnisses der Dokumentare noch näher hin zum Benutzer und seinen Interessen. Möglich wurde dieser Prozeß durch eine Entwicklung, von der in dieser Arbeit noch oft die Rede sein wird, und die ihre Dynamik bis zum heutigen Tage behalten und wohl noch bei weitem nicht voll entfaltet hat: Es war das auf den Markt Treten von neuen Informations- und Kommunikationstechnologien, das eine Trennung von Dokumentation und Informationsvermittlung erst möglich gemacht hat. Während in der klassischen, papiergebundenen Dokumentation das Erschließungsinstrument in irgendeiner Form eine Kartei ist, auf die auch physisch meist nur an einem bestimmten Ort zugegriffen werden kann, so ändert sich die Situation mit dem Aufkommen EDV-gestützter Dokumentation fundamental. Die Information ist nunmehr ohne großen Aufwand duplizierbar, transferierbar bzw. über Entfernungen benutzbar. Damit kann sich vor allem eine reine Tätigkeit der Informationsvermittlung herausdifferenzieren (Information-Broking), die mit Dokumentation im engen Sinn von "... Sammeln, Ordnen, Verfügbarmachen ..." eigentlich nur gemein hat, daß sie sich ihrer als vorgelagerter Dienstleistung bedient.

Ein sehr weitreichender Definitionsansatz, der diese Umstände mitberücksichtigt, findet sich beispielsweise bei Seeger: 

"Dennoch kann man - blickt man auf die IuD heute - mit Fug und Recht vom IuD-Wesen sprechen der Summe aller Institutionen, Organisationen und deren Untergliederungen, in denen die Funktion des Informierens wahrgenommen wird." 

Daß ein solcher Ansatz Abgrenzungsprobleme zu anderen »Informationstätigkeiten« mit sich bringt, liegt auf der Hand. Nicht zuletzt könnte man in diesem Sinne ohne weiteres Journalismus als Teilfunktion der IuD ansehen. Eine solche Zuordnung wird sich, soviel sei den weiteren Untersuchungen an dieser Stelle vorgegriffen, kaum schlüssig argumentieren lassen. Allerdings legt diese Sichtweise auf die IuD den durchaus überlegenswerten Gedanken nahe, Journalismus und IuD gemeinsam als spezielle Tätigkeitsbereiche eines umfassenden Sektors »Informationsarbeit« anzusehen.  

 2.4 Abgrenzung und Einordnung von IuD

Wie ausgeführt wurde, ist Information und Dokumentation also die etwas umständliche, jedoch sachlich zutreffende Bezeichnung für einen umfassenden Tätigkeitsbereich der Informationserschließung und -vermittlung. Die Sperrigkeit der Benennung hat es unter anderem mit sich gebracht, daß sie sich als Berufsbezeichnung nicht durchsetzen konnte. Wer würde sich schon als »Informant und Dokumentar«, oder auch nur als »Informierer und Dokumentierer« bezeichnen wollen?

Die häufigsten Tätigkeitsbezeichnungen in der IuD sind wohl Dokumentar/in oder Dokumentalist/in bzw. Informationsvermittler/in, aber auch - vor allem in der Mediendokumentation - schlicht Archivar/in. Letztere Bezeichnung wirft nun das Problem auf, daß das Archivwesen ebenso wie auch das Bibliothekswesen in der klassischen Theorie eigentlich als von der IuD getrennte eigenständige Tätigkeitsbereiche angesehen werden. Woraus bezieht diese Differenzierung ihre Berechtigung?

In den klassischen Tätigkeitsbereichen der Sammlung, Bewahrung und Vermittlung von Informationen haben wir es mit einer sich zusehends integrierenden Domäne zu tun. Ein weiteres Mal ist es das Potential der modernen Informations- und Kommunikationstechnologien, das hier seine verändernde Kraft entfaltet. Um Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausarbeiten zu können, muß man reine Formen der einzelnen Arbeitsfelder konstruieren, wie sie in der Praxis immer seltener vorkommen.

In der folgenden Tabelle wird eine einfache beispielhafte Gegenüberstellung vorgenommen, die für das Verständnis der weiteren Ausführungen hinlänglich ist: 

 Sachmerkmale: Archiv, Bibliothek, Dokumentation

 

ARCHIV

BIBLIOTHEK

DOKUMENTATION

Kernaufgabe Sicherung von bewahrungswürdigem Akten- und Kulturgut Erwerb u. Bereitstellung v. Büchern und Zeitschriften nutzungsorientierte Erschließung v. Dokumenten
Inhaltseinheiten (Dokumente) f. d. Tagesgeschäft entbehrliche »Dokumente« z.B. einer Organisation (Unikate) selbständige bibliographische Einheiten z.B. Buch, Zeitung, Zeitschrift jede Art, v.a. aber unselbständige Literatur, bis hin zu einzelnen Daten und Fakten
Inhaltserschließung

(Zugriffsmöglichkeit)

relativ grob - oft global in Akteneinheiten und nicht immer Dokument für Dokument nach Autoren sowie in groben Sachordnungen nach dem Hauptgegenstand eines Dokuments sehr tiefgehend, üblicherw. werd. einzelne Sachverhalte innerhalb von Dokumenten getrennt berücksichtigt

 Die Grenzen zwischen den einzelnen Bereichen sind wie gesagt in der Praxis fließend. So kann man im Bibliothekswesen die Ansicht vertreten finden, daß die Dokumentation eigentlich nichts weiter wäre als eine Anwendung der Bibliographie, und damit die Dokumentationsstelle eine Variante der Bibliothek. Auch mit Verweis auf Spezialbibliotheken wie z.B. Parlamentsbibliotheken wird diese Argumentation geführt.

Was Archive angeht, so findet man in der Praxis oft sehr deutliche Orientierungen hin zur Dokumentation. Die fachsprachlich leider nicht ausreichend etablierte, aber sehr gelungene Wortschöpfung "Dokumentationsarchiv" verweist auf diesen Umstand. Nehmen wir ein Krankenhausarchiv als Beispiel. Genuiner Zweck ist die Lagerung von Krankenakten für die Dauer einer gesetzlichen Aufbewahrungsfrist bzw. für den Fall einer neuerlichen Behandlung. Zu diesem Zweck ist keine besondere Inhaltserschließung notwendig. Ein Zugriff über den Namen des Patienten ist leicht gewährleistet. Ein klassisches Archiv also. Im Falle einer Universitätsklinik, in der auch wissenschaftlich geforscht wird, könnte allerdings auch die Frage auftreten: "Wir benötigen die Krankengeschichten von allen Patienten der letzten zehn Jahre, bei denen die Krankheiten A,B,C mit den Medikamenten X,Y,Z behandelt wurden". Für solche Fälle ist eine sehr differenzierte dokumentarische Erschließung der Akten im Sinne einer Patientendokumentation notwendig und wird in der Praxis auch vorgenommen.

So gut wie alle Archive in Medienbetrieben sind in diesem Sinn ganz klar Dokumentationen, weil sie für eine intensive und differenzierte Benutzung ausgelegt sind. Gemeinsam ist der Archiv-, Bibliotheks- und Dokumentationsarbeit auf jeden Fall das Erfassen, Aufbewahren und Zugänglichmachen von Informationen im weitesten Sinn. Diese Tätigkeiten werden obendrein zunehmend EDV-unterstützt abgewickelt. Man muß kein Prophet sein, um zu ahnen, daß von absehbaren technologischen Innovationen wie etwa dem elektronischen Verwaltungsakt oder dem elektronischen Publizieren in Verbindung mit beispielsweise der zunehmenden elektronischen Vernetzung weitere starke Integrationsimpulse auf den Tätigkeitsbereich der »Informationsarbeit« ausgehen werden.

Entscheidend für die Entwicklung eines einheitlichen Basisberufsbildes "Informationsspezialist" wird nicht zuletzt die Standespolitik der etablierten Berufsverbände von Bibliothekaren und Archivaren sein. Es ist zu argwöhnen, daß die formale und sich in verwirrenden Überschneidungen permanent aufhebende Trennung von Bibliotheks-, Archiv- und Dokumentationswesen aus dem Blickwinkel berufsständischer Vorurteile und einer unterstellten Statusangst der etablierten Informationsberufe leichter zu verstehen ist als aus einer rein funktionalen Analyse.

Im Prinzip mündet alle IuD, Archiv- und Bibliotheksarbeit in zwei große Tätigkeitsbereiche. Zum einen in Bestandsaufbau und -pflege und zum anderen in Informationsvermittlung. Und das jeweils entweder ausschließlich oder in Kombination, auf bestimmte Dokumenttypen, bestimmte Wissensgebiete oder auf bestimmte Benutzergruppen spezialisiert. In Medienarchiven beispielsweise, wo analytisch sauber die arbeitsteilig aufeinander bezogenen Tätigkeitsfelder Archivierung, Dokumentation und Informationsvermittlung isoliert werden können., zeigt sich eine plausible Grundstruktur des Zukunftsberufes "Informationsarbeit", der alle Tätigkeitsfelder in einer Qualifikation vereinigt. Die prototypische Bedeutung von Medienarchiven für die Entwicklung der Informationsberufe insgesamt zeigt sich noch deutlicher, wenn man zusätzlich in Betracht zieht, daß sich in den Archiven der Medienbetriebe auch Verbundqualifikationen hin zum eigenverantwortlich Aussagen produzierenden Bereich, Stichwort "Dokumentationsredakteur", etabliert haben.


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