3.3.3 Informationsvermittlung / -nutzung 

Wenn nun jenes Arbeitsfeld beschrieben wird, welches die finale Nutzanwendung aller vorher abgehandelten Tätigkeitsbereiche darstellt, so soll dies vor allem anhand der Praxis von Textarchiven geschehen. In diesem Bereich hat sich nämlich durch Anwendungen der Datenbanktechnologie das vielfältigste Spektrum an Möglichkeiten entfaltet. Der Bereich der Produktionsarchive, vor allem in elektronischen Medien, wird ausdrücklich nicht behandelt. Es hat sich ergeben, daß das Tätigkeitsfeld des Nutzerkontaktes in der an sich vielfältigen Literatur über Produktionsarchive nicht ausreichend berücksichtigt ist, um eine seriöse Einbindung in allgemeingültige Darstellungen zu rechtfertigen. Nachdem sich darüberhinaus die empirische Erhebung der vorliegenden Arbeit nur auf die Archive von Printmedien erstreckt, fehlt auch von dort her weitgehend das entsprechende Basismaterial. So bleibt nur, auf diesen Umstand als eine Lücke der Arbeit explizit hinzuweisen und ergänzende Forschung anzuregen.

Der Zugriff auf dokumentarische Information in Medienbetrieben ist anhand vieler Dimensionen beschreibbar, die aus Gründen der Analyse zu trennen sind, aber in der Praxis überlagert und vermischt vorkommen.Eine der Beschreibungsdimensionen ist der Zugang zum dokumentarischen Material an sich. Zwei idealtypisch polarisierte Möglichkeiten des Zugriffs von Journalisten auf dokumentarische Textinformation wären der vermittelte und der unvermittelte Zugang zur dokumentarsichen Information. Ein Redakteur kann das Archivmaterial, das ihn interessiert, selbst suchen und auswählen, oder Suche und Auswahl in die Kompetenz eines Mitarbeiters im Archiv übertragen. Diese beiden grundsätzlichen Möglichkeiten haben sich übrigens nicht erst durch Informationstechnologien ergeben, die den Archivzugriff auch vom Journalistenschreibtisch her möglich machen, sondern werden auch im konventionellen Textarchiv praktiziert. Manche Archive sind schon deshalb darauf ausgelegt, daß sich die Journalisten dort selbst zurechtfinden können, weil beispielsweise am Wochenende kein Archivar Dienst versieht. Eine Befragung von 20 österreichischen Journalisten ergab, daß acht von jenen zehn, die das Redaktionsarchiv überhaupt in Anspruch nehmen, sich das Material selbst heraussuchen würden.

Als weitere grundsätzliche Dimension, die Vermittlungsarbeit determiniert, ist die Informationsbasis zu nennen. Informationsvermittlung kann lediglich aus den Beständen der Dokumentationsstelle selbst heraus vorgenommen werden oder unter Zugriff auf externe Informations- und Datenangebote geschehen. Auch dieser Faktor hat zwar durch neue Informations- und Kommunikationstechnologien an zusätzlicher Bedeutung gewonnen, verfügt aber, im Sinne der Einbindung von öffentlichen Bibliotheken etwa, über eine durchaus längere Tradition. Schließlich ist die als Facette jeweils bereits gestreifte technologische Dimension nochmals explizit anzuführen. Informationsvermittlung ist mit konventionellen Verfahren genauso wie auf elektronischer Basis möglich. Die Rolle des Computers kann dabei jene einer bloßen Zugriffs- und Findhilfe auf interne wie externe konventionelle Bestände sein, er kann aber auch - wie bei Volltextdatenbanken - als Dokumentenspeicher in Verwendung stehen oder zur Aufbereitung von Information beispielsweise in Form von Verzeichnissen, Übersichten, Grafiken oder Tabellen verwendet werden.

Alle aufgezählten Dimensionen, vermittelt/unvermittelt, intern/extern sowie elektronisch/konventionell, können, wie bereits erwähnt, in der Praxis in jeder denkbaren Kombination vorkommen. Die folgenden Ausführungen über Leistungen und Funktionen von Medienarchiven stellen nur den ersten Teil einer mehrstufigen Abhandlung dieses Themas dar. Im vorliegenden Hauptabschnitt wird die finale Nutzung dokumentarischer Information behandelt, wie sie sich aus Sicht der Dokumentare darstellt. Ein späteres Kapitel (Kap. 4.1) wird sich bemühen, den plastischen Gegenabdruck dieser Beschreibung zu formen, indem es die Nutzung der dokumentarischer Information aus Sicht der Journalisten analysiert. Schließlich werden in zwei weiteren sich jeweils perspektivisch erweiternden Abschnitten die Leistungen der Mediendokumentation für ihre Verlage insgesamt (Kap. 4.2) und schließlich für Journalismus und Gesellschaft (Kap. 4.3) beschrieben. Damit wird dann - zumindest in Konturen - ein umfassendes Bild der Leistungen und Funktionen von Medienarchiven gezeichnet sein. 

3.3.3.1 Allgemeines zu Outputleistungen

Das Output eines Textarchives ist Information. Damit ist alles und doch nicht viel gesagt, denn das kann eine knappe Telefonauskunft über das Geburtsdatum der Gesundheitsministerin genauso sein wie eine umfangreiche Darstellung der Entsorgungspraxis von Eisenbahnschwellen in den letzten fünfzehn Jahren.

Wenn Medienarchivare die Breite und Tiefe ihres Anfragespektrums zu beschreiben versuchen, so wird deutlich, welche Spannweiten zu berücksichtigen sind: 

"Die Art der Beanspruchung des Pressearchivs durch Journalisten weist nur schwer zu überbrückende Widersprüche auf: auf der einen Seite benötigt der Redakteur präzise Fakten und harte Daten. Aber er braucht das Archivmaterial auch dazu, sich einzulesen und sich bereits Bekanntes zu vergegenwärtigen. Solche ´weichen´ Daten sind eine Besonderheit der Pressedokumentation. Während der Informationssuchende in der Fachdokumentation in der Regel recht genau weiß, was er sucht, und seine Fragen entsprechend präzise formuliert, möchte der Journalist beim Blättern in den ´Dossiers´, wie die Mappen oft altmodisch noch genannt werden, Assoziationen beleben und Denkanstöße erhalten."

"... Diese Informationen müssen einem merkwürdigen, für den journalistischen Nutzer typischen Anforderungsprofil genügen: Eine Pressedokumentation muß auf der einen Seite Auskunft geben auf Fragen nach sehr kleinen Detailfakten, auf die wir niemals ein Informationssystem auslegen können, weil überhaupt nicht vorhersehbar ist, was da gefragt wird, denn es gehört ja zum Wesen der journalistischen Leistung, immer wieder neue Bezüge zu den Dingen und Ereignissen herzustellen. Diesen Fragen nach den ´harten´ Detailfakten steht die typische ´weiche´ Recherche gegenüber, d.h. jemand kommt, der Hintergrundinformation braucht zu einem Thema, das ihm sehr vage erst klar ist, oder mit dem er sich nur sehr kurz beschäftigen kann."

Die Leiterin des FAZ-Archives faßt die Outputleistungen des Archives in übergeordneten Kategorien wie folgt zusammen: 

  • Verifikation von Daten und Fakten
  • Sachantwort
  • Dossiers
  • Literaturzusammenstellungen
  • Querschnittsdokumentationen 

Von diesen Leistungen wären ihren Angaben zufolge 90 % innerhalb von 1 bis 5 Minuten (durchschnittlich 2,4 Min.) zu erledigen. Das meiste, was zeitlich über diesen fünf Minuten liege, würde im allgemeinen einen erheblich größeren Aufwand erfordern. Diese Angaben, die zeigen, in welchem Ausmaß sich Textarchive auf schnelles Output hin zu organisieren haben, ergänzen sich mit anderen publizierten Erfahrungen: In den Springer-Archiven werden 50 % aller Anfragen telefonisch beantwortet. In der Gruner+Jahr Textdokumentation müssen 40 % aller Suchfragen innerhalb von 30 Minuten erledigt sein.

Das sind Anforderungen, die schon beim Lektorat zu beachten sind und alle Arbeitsfelder der Textdokumentation entscheidend prägen. Der extreme Zeitdruck beim Output ist es paradoxerweise auch, der gut geführte Zeitungsausschnittarchive so lange Zeit auf elektronische Methoden verzichten hat lassen. Ein Griff in die wohlsortierte Schublade, und das fertige Dossier ist da. Das war immer das beste Argument gegen elektronische Verfahren. Elektronische Hybridsysteme, bei denen die Suchbegriffe in Computern recherchierbar sind, die Dokumente dann aber aus Ordnern oder Mikrofiches zusammengetragen werden müssen, erfordern in der Regel größere Antwortzeiten. Wenn man darüberhinaus die Druckertechnologie vergangener Jahre betrachtet, wird auch klar, warum sich elektronische Volltext- oder Faksimilelösungen nicht unbedingt als die schnellsten Verfahren herausstellten. Wie lange braucht ein Computerdrucker beispielsweise auch heute noch, um vierzig Seiten auszudrucken? Und wieviele Drucker braucht man, wenn fünf andere Recherchen zu je vierzig Seiten auch innerhalb der nächten dreißig Minuten auf Papier gebracht sein wollen?

Das Ausschnittarchiv hat also den bis in unsere Tage reichenden Vorzug, ein billiges und schnelles Verfahren zu sein. Im Gegensatz dazu erweisen sich die damit verbundenen Handikaps einstweilen als vernachlässigbar. Werden etwa dauernd die Originalausschnitte entlehnt, so besteht die große Gefahr von Verlust und Beschädigung. Entlehnkontrolle ist kaum möglich. Ein Dossier kann darüberhinaus nur einmal entlehnt werden. Manche Textarchive helfen sich, indem sie versuchen, ausschließlich Kopien auszugeben.Neben der Anfragebeantwortung stellen aktive Informationsdienste bzw. Profildienste ein typisches Leistungsangebot moderner dokumentarischer Arbeit dar. Im einen Fall produzieren Dokumentationsstellen ungefragt Informations- bzw. Dokumentenzusammenstellungen und verteilen diese an einen potentiellen Nutzerkreis, im anderen Fall geben Nutzer den Auftrag, bis auf Widerruf über ein spezifisches Thema oder einen Themenausschnitt regelmäßig mit verfügbaren Informationen versorgt zu werden. Keines der beiden Leistungsangebote ist in Medienarchiven besonders ausgeprägt. Durch moderne Datenverarbeitungstechnologien könnte ihre Bedeutung aber zunehmen. Klassische Formen aktiver Information, wie sie in Medienarchiven erstellt werden, sind Ereignisvorschauen und Register.

Eine besondere Variante der dokumentarischer Leistung ist die abschließende Textverifikation, wie sie beispielsweise vom "Spiegel" berichtet wird. Dort muß jeder Artikel vor Drucklegung in die Dokumentationsabteilung, wo jedes nachprüfbare Faktum kritisch hinterfragt wird. Namen, Spitznamen, Daten, Fakten und Größenordnungen werden auf Richtigkeit und Plausibilität kontrolliert. Dabei kann es vorkommen, daß ein Text, mit bis zu 150 Verifizierungsanmerkungen versehen, wieder in die Redaktion zurückgeht.Mehrfach wurde in vorangegangenen Abschnitten auf eine Tendenz hingewiesen, die den Angelpunkt der Leistungsfähigkeit von Textdokumentationen verlagert. War in der Vergangenheit die Qualität der eigenen Sammlung und deren Erschließung für den Arbeitserfolg von Mediendokumentationen ausschlaggebend, so könnte es in Zukunft immer stärker der Computerzugriff auf fremde Sammlungen und die Kenntnis derer Ordnungssysteme werden. Auf die Randbedingungen und Dynamiken dieser Entwicklung soll nun ausführlicher eingegangen werden. 

3.3.3.2 Detailaspekte zu Datenbanken

Grundsätzlich gibt es zwei elektronische Verfahren, den Zugriff auf Information zu organisieren. Der maßgebliche Unterschied liegt darin, ob die gesuchte Information direkt vom Bildschirm benutzt werden kann (z.B.: Volltextdatenbanken, Faktendatenbanken), oder ob sie aufgrund der Angaben am Bildschirm erst beschafft werden muß (z.B.: Fernsehdatenbanken, Literaturdatenbanken). Verweisende Systeme werden auch als Referenzdatenbanken bezeichnet, weil sie nur Hinweise auf Dokumente geben. Die Zukunft gehört sicherlich weitestgehend den online-benutzbaren Angeboten. Viele Formen von Referenzdatenbanken, vor allem jene für wissenschaftliche Aufsatzliteratur, sind Lösungen, die aus technisch/organisatorischen Restriktionen der Vergangenheit verstehbar sind. In unseren Tagen, wo so gut wie alle Texte bereits elektronisch produziert werden und gleichzeitig die Speicherkosten immer weiter sinken, kann erwartet werden, daß viele Formen von Literaturdatenbanken über kurz oder lang im Volltext verfügbar sein werden. Eigentlich ist nur in zwei Bereichen davon auszugehen, daß Referenzdatenbanksysteme auf mittlere Sicht unverzichtbar bleiben. Zum Teil dort, wo das nachzuweisende Dokument selbst kein Text ist, und zum Teil dort, wo ein Dokument eine sehr große Textmenge darstellt, etwa ein komplettes Buch. Umfassende Buchbestände, die im Volltext online benutzbar sind, werden wohl noch etwas auf sich warten lassen. Neben technischen Problemen bedürfen hier sicherlich auch Fragen der Leistungsvergütung, also des Urheberrechtes, einer grundsätzlichen Klärung. Selbstverständlich ist an dieser Stelle nicht von Belletristik die Rede. Der Roman und das Gedicht haben - auf Papierseiten gedruckt und zwischen Buchdeckel gebunden - wohl für alle Zeiten ihre optimale Materialität gefunden. Für Fachliteratur, vor allem Nachschlagewerke, kann man dies allerdings nicht gelten lassen.

Der Bereich, in dem die nachzuweisenden Einheiten gar keine Texte darstellen, ist vielfältig und umfaßt im Medienbereich vor allem Abbildungen sowie Ton- und Filmdokumente.Keine diese Dokumentformen ist prinzipiell von einer Online-Benutzung ausgeschlossen. Das einzige grundsätzliche Kriterium ist nämlich Digitalisierbarkeit, und digitalisierbar sind alle diese Nicht-Textdokumente. Günstig verfügbare digitale Speicherkapazität, Leitungskapazität und Verarbeitungskapazität bestimmen den Fortgang, in dem die Informationstechnologie ihr Potential, alle medialen Darstellungsformen zu integrieren, weiter entfalten wird.Doch zurück zur Alltagspraxis der Medienarchive.

Die Einbindung externer Informationsressourcen gehörte schon immer zur Praxis gut geführter Dokumentationsabteilungen. In den USA etwa geben 97 % der Zeitungsarchive mit mehr als 100.000 Stück Auflage an, auch öffentliche Büchereien für ihre Aufgaben in Anspruch zu nehmen. Der Kontakt mit Bibliotheken kann so weit institutionalisiert werden wie beim SWF, der einfach einen Mikrofichekatalog für die Badische Landesbibliothek aufstellte und einen Sondervertrag zur kurzfristigen Fernleihe von Büchern schloß. Auch die autonome Außenrecherche, bei der Medienarchive, vor allem im Rahmen der Verifiktation von Daten und Fakten, telefonisch bei Institutionen wie Botschaften oder statistischen Ämtern selbst recherchieren, gehört zur täglichen Aufgabe vieler Dokumentationsstellen.

Mit dem Aufkommen leistungsfähiger Online-Datenbanken waren bald erste Versuche verbunden, auch diese neuartige Möglichkeit des Informationszugriffes für Journalisten nutzbar zu machen. Anfang bis Mitte der 80er Jahre gab es in Österreich und der BRD auf ähnlichen Designs beruhende Modellversuche, bei denen in Redaktionen kostenlos Online-Recherchemöglichkeiten installiert wurden, und deren Nutzung man begleitend wissenschaftlich erforschte. Die Ergebnisse wurden durchwegs als positiv bewertet. Was allfällige Defizite wie geringes Angebot typisch journalistischer Themenspektren oder zu lange Beschaffungszeiten aus Referenzdatenbanken anging, so wurde baldige Abhilfe erwartet. Ein Teilnehmer an dem Online-Modellversuch JOUR-FIZ-II in der BRD versprach sich 1986 eine qualitative Verbesserung des Datenbankangebotes innerhalb der nächsten 3-5 Jahre. Doch vier Jahre später mußte die Bilanz eines Kollegen noch immer lauten "Das Datenbankangebot für Journalisten aller Medien ist bescheiden". Zu keinem anderen Schluß kommt die mittlerweile letzte Untersuchung in der BRD, die im Jahre 1993 publiziert wurde.

Diese Beobachtung ist insofern typisch, als informationstechnologische Entwicklungsprognosen stark dazu tendieren, in ihrem Zeithorizont wesentlich zu kurz zu liegen. Die komplexe Gemengelage aus notwendigen technisch/organisatorischen Entwicklungen ist offensichtlich schwer einzuschätzen. Nachdem aber Fehleinschätzungen in der Praxis Fehlinvestitionen bedeuten, können die Folgen erheblich sein. Speziell in den 70er Jahren war die Technikeuphorie groß. Die "New York Times", die in dieser Zeit ein elektronisches Archiv etablierte, mußte dessen Vermarktung in den achtziger Jahren wegen jährlicher Millionenverluste (Dollar!) einstellen. Diese und ähnliche Erfahrungen haben Verlage dazu gebracht, bei Archivtechnologien konservativer zu agieren und Geräte- und Softwareanbietern mit mehr Skepsis zu begegenen, wenn enorme Leistungs- und Entwicklungs- bzw. Ertrags- und Einsparungsmöglichkeiten versprochen werden.Die nach wie vor geringe Verbreitung von Datenbanken als journalistische Informationsquellen ist auf eine ganze Reihe von Problemfeldern zurückzuführen, die in der Folge anhand der Dimensionen Kosten, Ausbildung, Zeit, Themenspektrum und Benutzerfreundlichkeit jeweils kurz ausgeführt werden sollen: 

Kosten

Die Recherchekosten in externen Datenbanken sind im allgemeinen beträchtlich. Aus diesem Grund werden Online-Recherchen großteils von ausgebildeten Dokumentaren vorgenommen, während Journalisten der unkontrollierte Zugang zu den Terminals verwehrt wird.

In den großen Zeitungsredaktionen der USA betragen die monatlichen Online-Recherchekosten durchschnittlich 1.000 Dollar monatlich, wobei die Spannweite allerdings von 50 bis 38.000 Dollar reicht. Einige Fälle besonders hoher Datenbankausgaben sind übrigens darauf zurückzuführen, daß die Verlage ihre Volltexte komplett an Hostbetreiber überantwortet haben und nun sogar für Recherchen im eigenen Bestand bezahlen müssen.

Die hohen Kosten setzten oft einen Teufelskreis in Gang, egal, ob Journalisten selbst oder Dokumentare recherchieren. Die Nutzung teurer Datenbanken für unwesentliche Informationen ist oft nicht gestattet. Für Wichtiges fehlen dann allerdings Kenntnis und Übung, um in internationalen Datenbanken zielführend recherchieren zu können. Als Beispiel eines sinnvollen Datenbankeinsatzes bringt ein Dokumentar etwa den Fall, daß an einem Freitagnachmittag ein Regionalergebnis der nicaraguanischen Parlamentswahlen benötigt worden wäre. Im Ausschnittarchiv war die Information nicht verfügbar und die Botschaft schon im Wochenende. In der Datenbankgruppe "Papers" des Hosts "Dialog" konnte die entsprechende Angabe schließlich gefunden werden. Ein solches Ergebnis im Notfall ist aber eben nur vorstellbar, wenn der Dokumentar, die Dokumentarin auch über die entsprechende Übung und Datenbankkenntnis verfügen. Der Teufelskreis der hohen Kosten ist übrigens noch nicht vollständig beschrieben. Denn geringe Nutzung ist nicht nur eine Folge der hohen Kosten, sondern paradoxerweise gleichzeitig eine ihrer Ursachen. Die Milchmädchenrechnung ist einfach. Würden Datenbanken stärker in Anspruch genommen werden, dann wären die Fixkosten auf mehr Nutzer aufzuteilen und die einzelne Recherche billiger. 

Ausbildung

Um nach dem Muster »blindes Huhn und Korn« in Datenbanken recherchieren zu können, bedarf es keiner besonderen Ausbildung, aber mit einer solchen Vorgangsweise sind die hohen Kosten der Datenbankrecherche (s.o.) bzw. elektronischer Archive nicht zu rechtfertigen. Die Kenntnisse und Erfahrungen, über die man verfügen muß, um beispielsweise Faktendatenbanken als Informationsquelle sinnvoll einsetzen zu können, sind beträchtlich.

Die Forderung nach mehr Ausbildung von Dokumentaren und Journalisten zur Nutzung von Datenbanken wird allenthalben erhoben, kommt aber beispielsweise in der Praxis der institutionalisierten Jouranlistenausbildung noch viel zu selten vor. 

Zeit

Referenzdatenbanken machen nach wie vor einen großen Teil des Online-Angebotes aus, kommen aber nur für den geringsten Teil des täglichen journalistischen Informationsbedarfs in Frage. Nur sehr langfristige Recherchen erlauben es, die üblichen Wartezeit bis zur Benützungsmöglichkeit der recherchierten Dokumente in Kauf zu nehmen. Darüberhinaus sind Referenzdatenbanken auch in ihren Beständen nicht besonders aktuell, weil sie nur in großen Intervallen auf den neuesten Stand gebracht werden.. 

Themenspektrum

Eine frühe Kritik an Datenbanken lautete, daß hauptsächlich naturwissenschaftliche und zu wenig sozial- und geisteswissenschaftliche Themen, die für das Alltagsgeschäft von Journalisten wesentlich ergiebiger wären, recherchierbar sind. Dieses Argument gilt bis heute unverändert.

Eine andere Kritik betrifft das regionale Themenspektrum der Datenbanken und umfaßt - was den deutschen Sprachraum betrifft - auch Volltextdatenbanken. Es gibt nach wie vor zu wenige Angebote, um behaupten zu können, der deutschen Sprachraum wäre befriedigend dokumentarisch abgedeckt. 

Benutzerfreundlichkeit

Oft wird das Argument vorgebracht, Datenbankrecherche wäre unkomfortabel und die Systeme wenig bedienungsfreundlich. Die Probleme der Journalisten zeigen sich hauptsächlich an drei Aspekten: Nämlich Bedienungsfreundlichkeit, inhaltliche Erschließung und Layout. 

Bedienungsfreundlichkeit

Trotz etlicher Verbesserungen bietet die Online-Recherche oftmals ein archaisches Bild. Vor allem, wenn Benutzer die komfortablen grafischen Benutzeroberflächen moderner PC-Programme gewohnt sind, fühlen sie sich bei der Online-Recherche oftmals in die »elektronische Steinzeit« zurückversetzt.

Noch immer ist das Beherrschen komplizierter, obendrein von Datenbank zu Datenbank verschieder Befehlsstrukturen notwendig, um effiziente Recherchen durchzuführen. Das ist neben den Kosten der zweite Grund, warum Datenbankrecherchen nicht von Journalisten selbst, sondern häufig von versierten Dokumentaren ausgeführt werden müssen. Die Suchmaske der österreichischen APA-Datenbank ist in diesem Zusammenhang als überdurchschnittlich bedienungsfreundlich zu erwähnen. Wenn ein Host eine befriedigende Benutzeroberfläche zur Verfügung stellt, kann es allerdings wiederum vorkommen, daß das Redaktionssystem einzelner Verlage nicht in der Lage ist, diese darzustellen. Auch Rechnerkapazität und Leitungstechnologie stellen restringierende Engpaßfaktoren dar. Systemabstürze, lange Antwortzeiten, vor allem bei sogenannten trunkierten Suchen, und Übertragungsfehler sind für Benutzer von Online-Datenbanken keine Seltenheit. 

Erschließung

Das Thema "inhaltliche Erschließung und Datenbanken" ist vor allem im Zusammenhang mit den boomenden Volltextlösungen zu erörtern. Egal, ob es sich um reine Inhouse-Datenbanken von Verlagen handelt, die nur den eigenen Redakteuren zugänglich sind, oder um Bestände, die über einen Host öffentlich und gegen Entgelt recherchiert werden können. Benutzer klagen häufig darüber, daß die Bestände nicht ausreichend beschlagwortet wären.

Im Grunde sind Volltextdatenbanken Abfallprodukte von Redaktions- und Produktionssystemen moderner Printmedienbetriebe. "Publizistisches Recycling" ist zwar ein Ausdruck, der auf einen anderen Sachverhalt hin geprägt wurde, aber an dieser Stelle sehr gut paßt. Wenn der gesamte Text einer Ausgabe Nacht für Nacht elektronisch zur Verfügung stand, war es nur naheliegend, ihn gespeichert zu halten und den Redakteuren zugänglich zu machen. Bei manch einem Verlag wird wohl auch der Gedanke mitgespielt haben, langfristig beim Aufwand fürs Archiv einsparen zu können. Diesbezügliche Befürchtungen wurden auch von Dokumentaren diskutiert. Anfangs waren Volltexte kaum durch Indexierung aufbereitet und wurden so angeboten, wie sie sich aus dem Produktionsprozeß heraus ergaben. Die schlechten Rechercheergebnisse, nicht zuletzt bedingt durch die varianten- und metaphernreiche journalistische Sprache, brachten allerdings bald die ersten Betreiber dazu, ihre Volltexte durch nachträgliche Indexierung besser recherchierbar zu gestalten.

Unbefriedigende Ergebnisse von routinierten Online-Rechercheuren sind häufig auch darauf zurückzuführen, daß Volltextdatenbanken spezifische Recherchestrategien erfordern, die sich von jenen gegenüber Referenzdatenbanken deutlich unterscheiden. Ohne entsprechende Aus- und Fortbildung sind diese Technologien auf keinen Fall effizient zu nutzen.

In der ersten Volltexteuphorie wurde oft übersehen, daß dokumentarischer redaktioneller Informationsbedarf sich nicht darin erschöpft, einzelne Artikel nach Jahren wiederzufinden, sondern oft in Überblicken und Zusammenschauen besteht. Wenn ein einzelner Artikel benötigt wird, der vor zwei Jahren über Neuguinea geschrieben wurde, und in dem von Missionaren die Rede war, so ist dieser in der Volltextdatenbank tatsächlich leicht und auch ohne zusätzliche Beschlagwortung wiederzufinden. Aber eine Übersicht über markante Berührungspunkte von Kirche und Politik in den letzten Jahren ist mit bloßem Volltext nicht mehr in vertretbarer Zeit herstellbar.

Die Notwendigkeit einer nachträglichen Indexierung von Volltexten ist durch derartig viele Meinungen und Erfahrungen belegt, daß sie eigentlich außer Streit steht. Die Diskussion müßte sich bereits um optimale Ordnungssysteme zur Volltextindexierung drehen. Für viele Volltextdatenbanken gilt allerdings nach wie vor, daß deren Artikel ohne inhaltliche Aufbereitung lediglich vom Produktionssystem ins Speichersystem »umgeschüttet« werden. 

Layout

Nur die wenigsten elektronischen Lösungen im Bereich der Textarchive sind sogenannte Faksimilie-Datenbanken. Dabei wird der einzelne Zeitungsausschnitt über einen Scanner eingelesen und als Bild abgespeichert. Für die Recherche werden obendrein Deskriptoren und/oder der Volltext abgespeichert. Der große Vorteil liegt darin, daß der Journalist oder die Journalistin den Text später am Bildschirm oder auf Papier im selben Layout benutzen kann, in dem er erschienen ist. Bei herkömmlichen Volltextdatenbanken hingegen ist nur der reine Text im Format einer Fernschreibmeldung gespeichert.

Faksimile-Datenbanken sind in den Archiven von nur einigen wenigen Zeitungsverlagen installiert worden, da sie sehr teure Lösungen darstellen. Es sind gigantische digitale Speicherkapazitäten notwendig, und auch die Prozeduren der Ein- und Ausgabe (Einscannen und Ausdrucken) sind technologie- und zeitintensiv. Nachdem aber die Technologiekosten beständig sinken, können Aufwand und Ertrag auf diesem Gebiet hier nicht abschließend eingeschätzt, sondern müssen von Fall zu Fall neu bewertet werden. Kleinere Faksimilelösungen scheinen etwa auch für die Pressedokumentaton von Wirtschaftsbetrieben sehr sinnvoll einsetzbar zu sein.

Ist es nun so wichtig, daß auch das Layout eines Zeitungsartikels erhalten bleibt? In der ursprünglichen Aufmachung einer Nachricht steckt eine Menge an Information. Der Computerausdruck egalisiert Bedeutendes und Unbedeutendes. Vor allem für den schnellen Überblick ist das Originallayout eine große Unterstützung. Man stelle sich nur dreißig unterschiedlich aufgemachte Zeitungsartikel und daneben dreißig Fernschreibmeldungen vor. In welcher Sammlung könnte man sich schneller orientieren?

Für die journalistische Arbeit mit dokumentarischem Textmaterial sind Faksimilelösungen eindeutig besser geeignet. Zu diesem Ergebnis führten auch Befragungen von Journalisten, die vor der Einführung neuer Archivsysteme durchgeführt wurden.Ein Mittelweg zwischen billigem Volltext und aufwendiger Faksimilespeicherung könnte darin bestehen, den Volltext soweit mit Layoutinformationen angereichert zu lassen, daß das Ausgabegerät die ursprüngliche Aufmachung als »Quasi-Faksimile« rekonstruieren kann. Solche Vorschläge wurden schon Ende der 80er Jahre gemacht und sind beispielsweise beim britischen "Evening Standard" realisiert, der seine Volltexte mit Hilfe der Seitenbeschreibungsnorm "Postscript" abspeichert und so das Layout jederzeit rekonstruieren kann.


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