3.4 Mediendokumentation als Beruf 

3.4.1 Allgemeine Situation

Der Status der in Medienarchiven tätigen Frauen und Männer ist uneinheitlich. Die Anstellungsverhältnisse reichen von freier Mitarbeiterschaft über die Einstufung als kaufmännisches Personal bis hin zur Beschäftigung als Redakteure und Redakteurinnen. Das ist beileibe keine Prestigeangelegenheit. Ob Mediendokumentation »nur« als eine Tätigkeit oder aber als qualifizierter Beruf angesehen wird, ist eine Frage mit beträchtlichen Konsequenzen für die Betroffenen. Die tarifliche Einstufung hängt davon genauso ab wie der arbeitsrechtliche Status und, nicht zu vergessen, organisierte Angebote der Aus- und Fortbildung.

Die berufliche Situation der Mediendokumentation im deutschsprachigen Raum ist durch das Bemühen um immer stärkere Professionalisierung charakterisiert. Einzelne Beispiele hochqualifzierter Verwendung wie beim Spiegel oder bei G+J, wo alle Dokumentare im Status von Redakteuren beschäftigt sind, sollen allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, daß vor allem in kleineren Verlagen die Tendenz besteht, dokumentarische Informationsarbeit als Hilfstätigkeit einzuschätzen. Diese Tendenz wird gestützt durch eine spezielle Situation am Arbeitsmarkt, der sehr viele Arbeitskräfte mit einer hohen Grundqualifikation, allerdings einer geringen Spezialqualifikation anbieten kann (Stichwort: arbeitslose Sozial- und Geisteswissenschafter/innen). Hinzu kommt der Umstand, daß mit der konkreten Informationsarbeit in Medienbetrieben kaum generalisierbare Qualifikationen erworben werden, die später für andere Unternehmen von Interesse sein könnten. Das Ordnungssystem eines speziellen Zeitungsausschnittarchivs wie seine Westentasche zu kennen ist zwar an dem einen Arbeitsplatz von Vorteil, schafft aber keine Umstiegsmöglichkeiten zu anderen Arbeitgebern. Bezieht man für Österreich noch die Beschränktheit des einschlägigen Arbeitsmarktes in die Betrachtung ein, so ist die Laufbahnperspektive in der Mediendokumentation nicht gerade vielfältig.Mit dem Aufkommen informationstechnischer Lösungen steigt allerdings allmählich die Anzahl der generalisierbaren Qualifikationen. Die Datenbankrecherche ist hier an erster Stelle zu nennen. Wer sich in Verlag A für die Recherche in internationalen Datenbanken qualifiziert hat, ist mit diesem Können auch für Verlag B von Wert und kann sich beruflich weiterentwickeln.

Eine konkrete Aus- und Fortbildung für Mediendokumentare und Dokumentarinnen wird in Österreich derzeit nicht angeboten. Als die am geeignetsten erscheinenden Strukturen, innerhalb derer sich etwas Derartiges entwickeln könnte, wären die "Österreichische Gesellschaft für Dokumentation und Information," das "Kuratorium für Journalistenausbildung" oder eine sich abzeichnende Reform der Bibliothekarsausbildung in Richtung "Fachhochschule für Informationsberufe" zu nennen.Das KfJ hat die Bedeutung von Archivierung und Dokumentation in Medienbetrieben erkannt und zuletzt im Jahre 1992 unter dem Titel "Archive und Datenbanken - Der schnelle Weg zur Information" ein 3tägiges Fachseminar organisiert.Die ÖGDI veranstaltet regelmäßig einen "Ausbildungslehrgang für Dokumentationsfachleute im nichtöffentlichen Bereich". Dieser sechswöchige Kurs wird von der Sozialwissenschaftlichen Dokumentationsstelle der Arbeiterkammer organisiert und in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Nationalbibliothek veranstaltet. Wie auch einige Abschlußarbeiten belegen, scheint in diese Ausbildung eine Spezialisierung in Richtung Mediendokumentation unproblematisch integrierbar zu sein.Am Beispiel der Bundesrepublik Deutschland, deren Mediendokumentationssystem weltweit vorbildlich ist, soll in weiterer Folge dargestellt werden, welchen Einfluß Strukturen beruflicher Organisierung und gezielter Aus- und Fortbildung im Idealfall auf die Entwicklung eines Tätigkeitsfeldes haben können. 

3.4.2 Berufliche Organisierung

Über die Professionalisierung allgemeiner Qualifikationen führt der Weg von der Tätigkeit zum Beruf. Als maßgebliche Stufen dieses Prozesses zählt die Berufssoziologie folgende Entwicklungen auf:

Das Muster der Entwicklung der Mediendokumentation von der Tätigkeit zum Beruf, wie es sich für die BRD nachvollziehen läßt, entspricht stark der dargestellten Struktur. Im Jahre 1959 kam es erstmals zu einer organisierten Zusammenkunft von Pressearchivaren im Rahmen des 37. deutschen Archivtages. Die Skepsis der »klassischen Archivare« gegenüber ihren neuen Kollegen war anfangs groß, aber schon zwei Jahre später konnten sich die "Presse-, Rundfunk- und Filmarchivare" als eigenständige siebente Fachgruppe im "Verein deutscher Archivare" konstituieren. Was sich in diesen knappen Worten wie biedere Vereinsmeierei liest, hatte bedeutende Auswirkungen auf die berufliche Situation von hunderten Beschäftigten, indem ein stetiger Prozeß der beruflichen Höherqualifizierung begann. Einer der Gründer der Fachgruppe 7 beschreibt die Ausgangslage und den Effekt der beruflichen Organisierung mit folgenden Worten:

Schon bald organisierten die Medienarchivare eigenständige Fachtagungen, die konsequent unter dem Motto der Fachdiskussion, der Aus- und Weiterbildung standen. Die vorliegende Arbeit schöpft maßgeblich aus den regelmäßigen Publikationen, die sich in Folge dieser Kongresse ergaben. Auch eine eigene Fachzeitschrift etablierte sich und wurde zu einem wichtigen Medium der beruflichen Diskussion.

Wie die veröffentlichten Teilnehmerverzeichnisse zeigen, sind in steigender Anzahl auch österreichische Medienarchivare und Dokumentarinnen regelmäßige Gäste bei den Tagungen der Fachgruppe 7, in der sie auch als Mitglieder akzeptiert werden. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war die "54. Frühjahrstagung der Presse-, Rundfunk- und Filmarchivare im Verein deutscher Archivare", die, organisiert vom ORF, in Wien stattfand. 

3.4.3 Aus- und Fortbildung

Eines der hauptsächlichen Anliegen des bundesdeutschen Berufsverbandes der Medienarchivare war und ist eine stetige Verbesserung der Berufsqualifikation. In der BRD gibt es heute eine ganze Reihe von Institutionen, die Aus- und Fortbildung für Mediendokumentare anbieten. An dieser Stelle die gesamte Diskussion um Theorie und Praxis der Dokumentarausbildung für Medienbetriebe wiederzugeben, würde zu weit führen. Anhand der wesentlichen Dimensionen Berufsbild, Ausbildungsformen und Ausbildungsinhalte soll sie allerdings kurz dargestellt werden. 

Berufsbild

Am Beginn jeder Ausbildungsdiskussion steht die Frage nach dem Berufsbild. Was soll ein Mediendokumentar, eine Mediendokumentarin können? In älterer Literatur findet sich zum Thema Qualifikation des Medienarchivars häufig eine Aufzählung allgemeiner Tugenden wie "Interesse", "Gedächtnis", "Kombinationsgabe" oder "geistige Beweglichkeit" bzw. "ordentlich" und "sauber".

Auch moderne Qualifikationsprofile zählen viele Tugenden auf ...

... aber das Schwergewicht der Ausführungen liegt im Bereich der Fachqualifikation: 

Als sehr spezifische Qualifikationen, über die Mediendokumentare und -innen verfügen sollten, werden darüberhinaus angeführt: 

Aus den vielen Facetten der ausführlichen Berufsbilddiskussion in der BRD ist ein Aspekt hervorzuheben, der stets kontroversiell abgehandelt wurde. Es ist dies das Verhältnis zum Journalismus. Daß Mediendokumentare ein gewisses Ausmaß an Einblick in journalistisches Denken und Arbeiten haben sollten, ist unbestritten. Wenn dieses Argument bis zur Aussage gedehnt wird, ein Mediendokumentar müsse im Grunde mehr Ahnung von Journalismus haben als von Dokumentation, setzt die Argumentation der Gegner ein: Mit einer zu starken Orientierung am Journalismus würden sich die Dokumentare und Dokumentarinnen auf glattes Eis begeben, indem sich sich zu weit von ihrer Kernqualifikation entfernten. Das Ergebnis wäre Scheinkonkurrenz zu Redakteuren und eine konfliktreiche Spaltung der Archivare und Dokumentarinnen in zwei Klassen, in solche mit journalistischer Verwendung und in solche ohne.  

Ausbildungsformen

Informationsberufe sind stark dadurch gekennzeichnet, daß sie häufig als sogenannte Auffangberufe gewählt werden. Menschen, die einen Ausbildungsweg vorangetrieben haben, sich aber umorientieren, beispielsweise Studienabbrecher, entscheiden sich oft für einen Informationsberuf.In diesem Sinne hat sich in der BRD ein Ausbildungsangebot etabliert, das sowohl wissenschaftliche Berufsausbildung für jene betreibt, die Informationsarbeit in Medienbetrieben als geplante Laufbahn anstreben, als auch Aus- und Fortbildungsmaßnahmen für jene anbietet, die sich, ohne dies gezielt betrieben zu haben, schließlich als Mediendokumentare wiederfinden und höher qualifizieren wollen. Im Rahmen der berufsbegleitenden Fortbildung ist speziell zu berücksichtigen, daß viele Bildungswillige in kleinen Medienarchiven tätig sind, wo nur wenig Zeit für Berufsfortbildung abzweigbar ist. Für diese Personengruppe ist das Angebot spezifischer Kompaktkurse notwendig, die in angepaßten Zeiteinheiten absolviert werden können. Auch Formen postgraduater Ausbildung, die von der Arbeitsmarktverwaltung unterstützt werden, finden sich in der vielfältigen Ausbildungslandschaft der Bundesrepublik. 

Ausbildungsinhalte

Die Zielsetzungen der jeweiligen Ausbildungsgänge für Mediendokumentare sind den jeweiligen Bedarfsgruppen angepaßt und reichen von punktueller Professionalisierung und Höherqualifizierung bis zu fundierter wissenschaftlicher Ausbildung. Eine Ausführliche Diskussion darüber, welche konkreten Lehrangebote für welche konkreten Nutzergruppen als optimal anzusehen sind, würde den Rahmen dieser Ausführungen sprengen. Die Darstellung eines modernen Lehrplanes, der eine fundierte wissenschaftliche Ausbildung für Mediendokumentare und Dokumentarinnen gewährleisten soll, vermittelt allerdings Einblick, wie breit angelegt eine entsprechende Ausbildung im Maximalfall sein kann:

A Strukturen und Konzepte des Mediensystems

A1 Mediensystem und Medienpolitik

A2 Medienforschung

A3 Medienökonomie

A4 Medienrecht

A5 Informations- und Medienethik

B Informationsmanagement und -technologie

B1 Institutionen und Tätigkeiten der Informationsarbeit

B2 Betriebswirtschaftlehre, Informationsmanagement

B3 Grundlagen der Datenverarbeitung

B4 Informations- und Kommunikationstechnik

C Redaktionelle Praxis

C1 Publizistische Texte

C2 Redaktionelles Arbeiten

C3 Informationsempathie

D Informationsarbeit und Informationsdienstleistung

D1 Medienerfassung und Informationserschließung

D2 Externe Informationsbeschaffung

D3 Informationsvermittlung

E Fachwissenschaftliche Grundlagen der Mediendokumentation

E1 Wirtschafts- und Rechtsfragen

E2 Naturwissenschaften und Technik

E3 Sozialwissenschaften

E4 Kultur- und Literaturwissenschaften


NÄCHSTES KAPITEL
HOME