4 Leistungen und Funktionen der Mediendokumentation  

Eine internationaler Vergleich der konkreten Tätigkeit von Archiven und Dokumentationsstellen zeigt, daß diese eine wesentlich breitere Palette von Leistungen erbringen und Funktionen erfüllen können, als man auf den ersten Blick annehmen würde. Schon in der Wahrnehmung ihrer genuinen Kernaufgabe, nämlich die Unterstützung der Aussagenproduktion, läßt sich ein differenziertes und reichhaltiges Leistungsbild zeichnen. Aber erst, wenn man auch einen Überblick über alle möglichen Zusatzleistungen von Medienarchiven gewonnen hat, ist man in der Lage, ihre Potentiale voll einschätzen zu können. 

4.1 Archive als Teil der Rechercheinfrastruktur von Medienbetrieben

Um die Funktion von Medienarchiven für die Recherche beschreiben zu können, wird einmal zu klären sein, welchen Stellenwert die Recherche im journalistischen Arbeitsprozeß einnimmt. Vorher wird überhaupt kurz abzustecken sein, was man unter Journalismus verstehen will. Die sowieso nur fragmenthaften funktionalen Theorien des Journalismus sind in diesem Kontext wenig hilfreich, weil sie für unser Untersuchungsanliegen zu abstrakt angelegt sind. Vorschläge, wie sie etwa Manfred Rühl macht, Theorien von Journalismus an Interpretationen wie "Kommunikationsvereinfachung durch entlastende Strukturbildung" oder "Organisatorische Herstellung und Bereitstellung durchsetzungsfähiger thematisierter Mitteilungen zur öffentlichen Kommunikation" anzuschließen, tragen deutlich normative Züge und verweisen auf die »öffentliche Aufgabe« der Medien. Obwohl das Anliegen des Autors eigentlich darin besteht, ausreichend allgemein zu bleiben, um umfassend gültig zu sein, sind ausgerechnet normative Ansätze wenig geeignet, journalistische Phänomene zu beschreiben, die aus der privat-, markt- und erwerbswirtschaftlichen Orientierung von Medienbetrieben zu erklären sind. Nachdem aber gerade für Medienarchive, wie noch im Detail auszuführen sein wird, gilt, daß sie normativ wünschenswert, aber de facto unterbewertet und damit auch unterdotiert sind, ist ein vorderhand rein prozessuales Schema von Journalismus besser geeignet, die Stellung der Recherche im journalistischen Arbeitsprozeß darzustellen. Von funktional/normativen Implikationen wird dann im Anschluß separat die Rede sein. 

Am besten lassen sich die Recherche und innerhalb dieser wiederum die Stellung des Archivs darstellen, wenn man Journalismus schlicht als Transformation von Information zur medialen Aussagenproduktion versteht. Daran läßt sich auch mit der Dokumentationstheorie anschließen, die den Dokumentationsprozeß als Transformationsprozeß von Information beschreibt. In obiger Abbildung ist das angesprochene modellhafte Verständnis von Journalismus schematisch skizziert. Die Abbildung soll einstweilen lediglich zur groben Orientierung dienen, sie enthält aber bereits alle Relationen, die in einem späteren Abschnitt für eine journalismuskritische Analyse zeitgenössischer Defizite der medialen Informationsaufbringung benötigt werden.

Die Informationsaufnahme des Systems Journalismus geschieht aufgrund von zwei idealtypischen Arbeitshaltungen. Die eine, »Gatekeeping«, ist selektiv, passiv, abwehrend. Hier wird mit Überflußinformation gehandelt, die um Aufmerksamkeit in den Medien konkurriert. Typisch dafür ist die einströmende Flut an Agenturmeldungen, Presseaussendungen, Pressekonferenzeinladungen bis hin zu persönlichen Interventionen. Eine Kritik am System Journalismus merkt etwa an, daß dieser passiv selektierende Informationsjournalismus zur dominierenden Arbeitshaltung geworden, während die andere Arbeitsweise, nämlich aktiver Recherchenjournalismus, ins Hintertreffen geraten wäre. Damit ist auch schon die zweite klassische Informierungshaltung von Journalisten angesprochen, nämlich die aktiv Informationen sammelnde Recherche. In diesem Fall stellt Information einen Mangelfaktor dar, der durch Recherche ausgeglichen wird. Das kann einfach ad hoc nicht verfügbare Ergänzungsinformation sein, die im Auskunftsweg besorgt wird, oder aber natürlich auch verborgene Information, die durch investigative Recherche enthüllt werden muß.

Die drei kategorial unterscheidbaren Informationsquellen Lokalaugenschein (Vor-Ort-Recherche), Expertenauskunft und Literaturstudium (dokumentarische Textinformation) lassen sich nach dem Grad ihrer Authentizität bzw. Distanz von der Wirklichkeit (im Sinne konkreter Ereignisse) hierarchisch anordnen und bilden wohlunterscheidbare Sphären. Ein hohes Ausmaß an Distanz impliziert allerdings ausdrücklich keine negative Wertung, weil mit Distanz auch tendenziell der »Überblick« zunimmt. Damit soll nicht mehr gesagt werden, als daß beispielsweise die unmittelbare Beobachtung eines Zusammenstoßes zwischen einem Radfahrer und einem Fußgänger einen zwar authentischen, aber vorderhand uninterpretierten Eindruck darstellt. Dagegen vermittelt ein Interview mit einem Versicherungsexperten oder einem Radfahrerfunktionär über dieses Thema bzw. eine statistische Tabelle oder das Ergebnis einer Datenbankrecherche über solche Unfälle auch interpretierende Zusammenhangs- und Hintergrundinformation.

Die drei Informationsquellen, wie sie in obiger Abbildung skizziert werden, entsprechen übrigens auch den unterscheidbaren Sphären von Primär- und Sekundärerfahrungen: Nämlich unmittelbare Erlebnisse, individualkommunikative Sekundärerfahrungen und massenkommunikative Sekundärerfahrungen.Daß sowohl an zu stark abgehobener Distanz als auch an zu großer uninterpretierter Authentizität bei der journalistischen Informationsaufbringung plausibel begründete Kritik geübt werden kann, zeigt wohl am deutlichsten, daß die Quellenkategorien nicht als besser oder schlechter an sich, sondern lediglich (in Kenntnis ihrer jeweiligen Vorzüge und Nachteile) bezogen auf angestrebte Ziele eingeschätzt werden können.

Und damit wäre der Platz des Archivs im journalistischen Arbeitsprozeß beschrieben. Das Archiv stellt im Rahmen der journalistischen Recherche einen von mehreren Möglichen Zugängen zu Realität dar. Wobei die verschiedenen Zugänge im Idealfall virtuos miteinander zu kombinieren sind. Die Stärke von dokumentarisch aufbereitetem Textmaterial liegt dabei naturgemäß nicht in Authenzität, sondern in der Erschließung bzw. Darstellung von Zusammenhängen und Hintergründen. In einem gewissen Ausmaß sind die prototypischen Informationskanäle Lokalaugenschein, Expertenkontakt und dokumentarische Textinformation wechselseitig substituierbar. So können etwa Medienunternehmen mit unterdotierten dokumentarischen Ressourcen auf gewisse Informationsleistungen verzichten bzw. Funktionen des Archivs zu den Expertenkontakten ihrer Journalisten auslagern, was allerdings wiederum in Bezug auf deren Informationsautonomie nicht unproblematisch sein kann. Doch davon später.

Journalismus, der sich vor allem auf die Verwendung dokumentarischer Informationsquellen stützt, wird konsequenterweise als »Dokumentationsjournalismus« bezeichnet. Diese Journalistenrolle hat sich für den deutschen Sprachraum in der Nachkriegszeit vor allem in den großen bundesdeutschen Verlagen Spiegel und Gruner+Jahr herausgebildet. Es ist wichtig zu verstehen, daß "Dokumentationsjournalist" nicht unbedingt eine dauerhafte Etikettierung einzelner Redakteure meint, obwohl natürlich auch das in stark arbeitsteilig organisierten Redaktionen vorkommen kann. Dokumentationsjournalismus bezieht sich in den meisten Fällen auf eine idealtypische Rolle, die jeweils als mehr oder weniger ausgeprägte Facette von konkretem journalistischen Handeln analytisch isoliert werden kann. Mit demselben Verständnis definiert Weischenberg eine ganze Reihe von Journalismusvarianten wie etwa: Informationsjournalismus, Sozialwissenschaftlicher Journalismus, Interpretativer Journalismus, Investigativer Journalismus, New Journalism oder Recherchejournalismus. Dieser Faden soll nun etwas weitergesponnen werden, um das Phänomen Dokumentationsjournalismus im Zusammenhang darzustellen.

In einer vereinfachten Schematisierung läßt sich die Funktionsfähigkeit einer Redaktion auf ihre materiellen und immateriellen Ressourcen zurückführen. Materielle Ressourcen sind dabei Produktions-, Informations- und Kommunikationssysteme (Schreibcomputer bis Agenturanschluß), und immaterielle Ressourcen vor allem die Qualifikationsmuster der Mitarbeiter. Die Ausfüllung jeweils spezifischer journalistischer Funktionen und Formen braucht immer auch jeweils zusätzliche materielle oder immaterielle Ressourcen. Die folgende Tabelle verzichtet auf eine gesamthafte Darstellung dieses Prinzips, stellt aber die Ressourcenerfordernisse von Dokumentationsjournalismus in diesem Zusammenhang dar: 

 Dokumentationsjournalismus als Ressourcenfrage

 

materielle Ressourcen

"Anlagen"

immaterielle Ressourcen

"Qualifikationen"

»klassischer« Journalismus

Schreib- und Satzcomputer, Telefonanlage, Agenturanschlüsse, Druckmaschinen etc. Schreiber, Interviewer, Rechercheure, Aufdecker, Organisierer, Allrounder etc.

Dokumentations-journalismus

Datenbank, Bibliothek, Archiv, Dokumentation Dokumentationsredakteur

Redaktionsdokumentar

 

4.1.1 Archivnutzung im journalistischen Arbeitsprozeß

Untersuchungen darüber, wann und wozu dokumentarische Ressourcen im journalistischen Rechercheprozeß verwendet werden, zeigen, daß es vielfältigste Einsatzmöglichkeiten von Archivmaterial gibt. Die Spannweite reicht über den gesamten Prozeß der Aussagenproduktion von der initialen Ideenfindung bis zur finalen Textverifikation. Eine Umfrage unter US-amerikanischen Zeitungsjournalisten erbrachte unter anderem folgende konkreten Nennungen: 

  • Ideen und Ansatzpunkte für Geschichten finden, schmökern
  • Hintergründe erkennen, Vorgeschichten rekonstruieren
  • Interviewpartner finden, sich auf Interviews vorbereiten
  • Überblicksgeschichten schreiben, Zusammenhänge darstellen
  • Visualisierung der Aussage (Illustrationen, Fotos finden)
  • bisherige Themenbehandlung nachvollziehen
  • Doubletten vermeiden
  • Ungereimtheiten klären
  • Daten, Fakten, Schreibweisen überprüfen (Verifikation) 
  • Diese Einsicht in die Nützlichkeit von Archivmaterial auf allen Stufen der Aussagenproduktion ist allerdings mit Schematisierungen der Recherche inkompatibel, die Archivnutzung nur einer Stufe des Rechercheprozesses zuordnen. Haas und Lojka etwa, die Recherche als einen Prozeß aus sieben Schritten beschreiben, bei dem Inputinformation (Aussendung, Gerücht, Hinweis, Auffälligkeiten), angereichert mit recherchierter Information, zu Outputinformation (Artikel, Interview, Reportage, Story) transformiert wird, ordnen den Archivbesuch dem 2. Rechercheschritt, nämlich der Vorerhebung zu. 

     Die sieben Schritte der journalistischen Recherche

    Input: Aussendung, Gerücht, Hinweis, Auffälligkeiten
    1. Schritt: Gewichten Positionierung, Quellenkontrolle (Überprüfung), Relevanz (Öffentlichkeit, Leser), Ereigniskontext, Rechercheprognose (Aufwand/Ertrag)
    2. Schritt: Vorerhebung Vertiefung, Vorgeschichte (Archiv, Vorwissen), Umfeld (Archiv, Vorwissen), Informationsdichte (Beschaffung)
    3. Schritt: Hypothesenbildung Recherche-These,

    Ereignisebene: Vorgang (Ursache/Wirkung), Verantwortliche (Vordergrund/Hintergrund)

    Beurteilungsebene: Meinungen (Versionsüberprüfung), öffentl. Meinung (Vorurteilsprüfung)

    4. Schritt: Planung Recherche-Organisation, Zugangswissen (Materialbeschaffung), Recherchedesign, Rechercheprotokoll
    5. Schritt: Materialsammlung Recherche-Durchführung, Feldarbeit, Befragungen, Interviews
    6. Schritt: Hypothesenprüfung Auswertung, Rekonstruktion der Ereignisse, Rolle der Beteiligten, Verantwortlichkeiten, Kausale Zusammenhänge
    7. Schritt: Schreiben Themenbezogen: News-Wert, Kernergebnis der Recherche, Detailergebnisse der Recherche

    Formal: Einstieg, Gliederung (Roter Faden), Vermittlungsform (Genre)

    Output: Artikel, Interview, Reportage, Story

     Die offensichtliche Unterbewertung dokumentarischer Information relativiert sich nicht wirklich, wenn man annimmt, daß Archivnutzung bei anderen Schritten als beim zweiten inexplizit angesprochen wird, etwa unter dem Stichwort Zugangswissen (Materialbeschaffung) in Schritt 4. Diese Beobachtung deckt sich mit Erkenntnissen aus den USA, daß so gut wie alle großen kommunikationswissenschaftlichen Studien, die den Prozeß der journalistischen Nachrichtenproduktion beschreiben, auf die Rolle von Archiv und Dokumentation einfach vergessen haben, und unter diesem Gesichtspunkt neu geschrieben werden müßten.

    Worin besteht aber nun der Nutzen von Archivmaterial konkret? Der Fragenkatalog einer weiteren Befragung US-amerikanischer Zeitungsjournalisten über Vor- und Nachteile der Verwendung von Datenbanken für die Recherche stellt typische Pro- und Kontraargumente gegenüber, die man durchaus auch für Archivnutzung schlechthin gelten lassen kann: 

     Journalists´ Perception of Benefits of Database Use

    n=80

    Very bene-ficial

    Quite

    beneficial

    Somewhat

    beneficial

    Not

    beneficial

    Don´t know

    Improved Story Detail

    38%

    45%

    15%

    1%

    1%

    Time Savings

    45

    28

    23

    4

    1

    Improved Story Depth

    40

    41

    18

    1

    0

    Improved Perspective

    38

    48

    13

    1

    1

    Wider Geographic Coverage

    23

    25

    27

    9

    8

    "Memory" of Past

    33

    41

    16

    3

    8

     

     Level of Journalists´Expressed Concern About Selected Negative Impacts of Databases

    n=80

    Very

    Quite

    Somewhat

    Not

    Don´t Know

    Homogenized Coverage

    4%

    9%

    26%

    53%

    8%

    Reporting Angles Affected

    3

    4

    33

    56

    5

    Losing Local Perspective

    1

    3

    13

    81

    3

    Discourages Originality

    1

    5

    25

    63

    5

    Burying Reportes in Data

    1

    9

    30

    58

    1

     Die Tabellen zeigen anschaulich das konkrete Profil von erwarteter/erfahrener Funktionalität und Dysfunktionalität der Verwendung von dokumentarischer Textinformation in der journalistischen Praxis. Auf jeden Fall ist aber zu beachten, daß die angebotenen negativen Auswirkungen im Gegensatz zu den Vorzügen mehrheitlich durchwegs zurückgewiesen werden. Das weist auf eine insgesamt hohe Akzeptanz dokumentarischer Recherchequellen hin.In der deutschsprachigen Literatur werden befürchtete negative Auswirkungen von forcierter Archivnutzung auf das journalistische Arbeiten vor allem unter dem Schlagwort "publizistisches Recycling" beispielsweise mit folgenden Argumenten abgehandelt: 

    "Dabei entsteht eine Gefahr: Der nahezu unbegrenzte Zugriff auf publizistisches Material zu allen nur erdenklichen Themen täuscht über ein Grundproblem hinweg. Zwar ist das Informationsreservoir riesig, angeboten wird aber in derartigen Mediendokumentationen nur bereits publizistisch verarbeitetes Material. Zieht man es wieder und wieder für neue Recherchen heran, so entsteht eine Art "publizistisches Recycling", das sehr wenig Innovationspotential aufweist und vielfach unangemessen auf neue Entwicklungen reagieren kann." 

    Eine Befragung von US-Journalisten, bei denen ganz allgemein das Prinzip des "always check the clips" den Stellenwert einer fundamentalen Berufsregel einzunehmen scheint, ergibt bei einer Minderheit der Befragten die Befürchtung, daß frühe Archivkonsultierung zu vorschnellem Urteil verleitet und die Perspektive einengen kann. Auch das Argument, daß zuviel Recherche zu uninteressanten einerseits / andererseits Leitartikeln führen würde, ist zu finden. Manche archivskeptischen Argumente sind natürlich grundsätzlich zutreffend. Aber wirkt nicht jeder nützliche Wirkstoff in einer unangebrachten bzw. zu hohen Dosierung kontraindikativ? Das Entscheidende ist eine überlegte Kombination der Archivrecherche mit anderen Rechercheformen.  

    4.1.2 Archivnutzung im österreichischen Journalismus

    Es ist kein Zufall, daß jene Argumente und Fakten, mit denen die Nutzung dokumentarischer Informationsressourcen durch Journalisten belegt werden, aus US-amerikanischen Untersuchungen stammen. Die explizite Befassung mit der "Library" als Informationsquelle hat dort, wie die Literaturliste dieser Arbeit belegen kann, mittlerweile eine gewisse Tradition und kann bereits kumulierte Ergebnisse vorweisen. Für den deutschsprachigen Raum fehlen vergleichbare Untersuchungen weitgehend. Die vorliegende Arbeit setzt sich in ihrem empirischen Erhebungsteil ausschließlich mit den Archiven und Dokumentationsstellen der Printmedien auseinander. Eine zusätzliche Ausweitung der Erhebung auf die Journalisten als Nutzer der Archive hätte den Rahmen einer Diplomarbeit gesprengt, obwohl gerade ein kommunikationswissenschaftliches Forschungsinteresse diese Vorgangsweise nahegelegt hätte. Nun ist es glücklicherweise der Fall, daß andere Diplomarbeiten der letzten Jahre, die sich mit Recherchefragen auseinandergesezt haben, auch Daten zu Einschätzung und Nutzung von dokumentarischen Ressourcen durch österreichische Journalisten hervorgebracht haben. Diese sollen nun in der Folge kurz wiedergegeben werden, um auch die lokale Perspektive nicht aus den Augen zu verlieren.

    Elisabeth Wimmer beispielsweise hat 25 österreichische Journalisten in standardisierten Tiefeninterviews zu ihren Recherchestrategien im Zusammenhang mit der EG-Berichterstattung befragt: 

     Informationsquellen österr. Journalisten für die EG-Berichterstattung

     

    Nennungen:

    Wichtigkeit der Quelle:

    Informationsquelle:

     

    1.

    2.

    3.

    4.

    5.

    Aussendungen

    17

    2

    5

    3

    4

    3

    Pressekonferenzen

    16

    7

    2

    3

    2

    2

    Ausländische Printmedien

    14

    3

    4

    5

    2

     
    Hauseigenes Archiv

    11

    1

    4

    3

    1

    2

    Inländische Printmedien

    9

    3

    2

    1

    1

    2

    Persönliche Kontakte

    8

    6

     

    2

       
    Europa-Dokumentation

    8

     

    2

    1

    3

    2

    Rundfunksendungen

    7

    1

    3

    1

    2

     
    Handbücher

    7

    1

     

    2

    2

    2

    Archive und Dokumentationsstellen

    6

    1

    1

    2

    1

    1

    Informationsveranstaltungen

    5

       

    2

    1

    2

    Agenturmaterial

    3

    1

    2

         
    Datenbanken

    2

         

    1

    1

    Universitätsinstitute

    2

         

    1

    1

    Eigene Recherchen

    1

    1

           
    Lexika

    1

         

    1

     
    Reisen

    1

         

    1

     

     Bemerkenswert ist die durchaus prominente Rolle des Archivs im Spitzenfeld der Informationsquellen, vor allem aber der geringe Anteil an »eigener Recherche«, bei gleichzeitiger starker Inanspruchnahme von Aussendungen, Pressekonferenzen und persönlichen Kontakten als Informationsquellen. Diese Zahlen bestätigen die in Kapitel 4.3.3 näher ausgeführten Befürchtungen eines tendenziellen Verlustes journalistischer Informationsautonomie. 

    Einige weitere Daten und Fakten aus der Arbeit von Elisabeth Wimmer:

    Nutzung von Archivmaterial:

    Fünf Befragte geben an, in der Redaktion überhaupt kein Archiv zur Verfügung zu haben. Eine große Bedeutung haben dafür die persönlichen Handarchive, auf die dreizehn der fünfundzwanzig Befragten verweisen. Von den zehn Journalisten, die das Redaktionsarchiv benützen, suchen sich acht das Archivmaterial selbst heraus, nur zwei lassen es sich von den Archivkräften ausheben. 

    Nutzung von Datenbanken:

    Die Nutzung von Datenbanken bei der Informationsbeschaffung hat sich noch nicht durchgesetzt. 20 Journalisten nützen Datenbanken nie, obwohl fünf von ihnen in der Redaktion über einen Online-Anschluß verfügen. 

    Kurt M. Mayer hat im Jahre 1990 eine Dissertation über den Einfluß des Computers auf die Rechercheorganisation vorgelegt. Teil der Arbeit war eine Gesamterhebung unter den Journalisten jener österreichischen Tageszeitungen, die damals über ein elektronisches Redaktionssystem verfügten. 108 Fragebögen konnten für die Auswertung berücksichtigt werden. In der Folge nun einige interessante Ergebnisse im Zusammenhang mit Archiven und Datenbanken: 

    Die Journalisten sehen in mangelhaft zur Verfügung stehenden dokumentarischen Ressourcen nicht die Hauptursache für zuwenig Recherche.

    Nur 1,4 % der Nennungen in diesem Zusammenhang verweisen auf das Fehlen von Archiven etc., während 56.8 % Arbeitsüberlastung, oder 41,9 % mangelnde Journalistenausbildung als Gründe anführen.

     Bevorzugte Recherchequellen österreichischer Journalisten

    Recherchequelle:

    Nennungen:

    Gespräche mit "eigenen" Informanten

    75

    Gespräche mit höheren Politikern, Behördenleitern, etc.

    52

    Gespräche mit offiziellen Stellen, wie Behörden oder Pressesprechern

    50

    Lokalaugenschein

    38

    Pressekonferenzen, Pressefahrten etc.

    32

    Persönliches Archiv

    21

    Absuchen anderer Medien oder des APA-Dienstes nach relevanten Informationen

    18

    Bibliothek, Fachzeitschrift, Informationsdienst

    13

    Hauseigenes Redaktionsarchiv

    9

    Gespräche mit Kollegen

    5

    Sonstiges

    1

    18,8% der Befragten würden gerne mehr im hauseigenen Redaktionsarchiv recherchieren, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten.

    Das bedeutet einen genügenden, wenn auch keinen überragenden Bedarf an dieser Form von Recherchequelle. 

    Die Einschätzung von elektronischen Recherchemöglichkeiten ist sehr positiv:

    75,9 % der Befragten würden solche Recherchemöglichkeiten benutzen,

    68,8 % meinten daß elektronische Recherche-Datenbanken zu einer allgemeinen Hebung der journalistischen Qualität führen könnten.

    56,8 % erwarteten sich eine Ersparnis an Recherchearbeit 

     Einstellung österreichischer Journalisten zu ihrem Hausarchiv

    Grundeinstellung:

    %

    Gründe:

    %

    positiv

    21,5

    Grundlagen, Hintergründe, Hergänge recherchieren

    82,4

        Daten, Statistiken, Biographien

    17,7

    negativ

    78,5

    Zeitmangel

    3,2

        unaktuell, unvollständig

    19,4

        unnotwendig, persönliches Archiv besser

    25,8

        kein Hausarchiv bzw. Zugangsschwierigkeiten

    50

        Gefahr des Abschreibens

    1,6

     Diese Antwortstruktur als Ablehnung der Hausarchive zu interpretieren, wie dies ein erster Blick nahelegt, ist insoferne irreführend, als der größte Teil der negativen Einschätzungen aus dem nicht vorhanden sein eines Archivs herrühren. In diesem Sinne müssen 50 % der verzeichneten negativen Einschätzungen als Plädoyer für die Etablierung und bessere Ausstattung von Archiven und Dokumentationsstellen gelesen werden. 

     Erwartungen österreichischer Journalisten gegenüber Recherchedatenbanken

    Erwartung:

    %

    Gründe:

    %

    positiv

    92,2

    Grundlagen, Hintergrund, Hergang

    7,6

        Daten, Statistiken, Biographien

    33,1

        Zusätzliches Archiv, mehr Aktualität, mehr Details

    12,7

        Inhaltlich bessere Information

    3,4

        Schneller oder ständiger oder einfacher Zugriff

    26,3

        Vernetzungsmöglichkeiten

    5,1

        Hebung der journalistischen Qualität

    3,4

        Arbeitserleichterungen

    6,8

        Kontrolle der eigenen Recherche

    1,7

    negativ

    6,3

    Mangelnde Handhabbarkeit

    12,5

        Für tagesaktuellen Journalismus unbrauchbar

    25

        Gefahr des Abschreibens

    25

        Gefahr von Datenschutzverletzungen

    12,5

        Erwarte nichts

    25

     Zu dieser Tabelle ist unbedingt anzumerken, daß sie Erwartungshaltungen verzeichnet und nicht Erfahrungen. In diesem Sinne ist die Aufstellung hauptsächlich ein Reflexionsbecken für Wunschvorstellungen. Nachdem aber jedem formulierten Wunsch auch irgend eine Form von erlebtem Mangel zugrunde liegen muß, kann sie auch auf diese Weise gelesen werden. Auf jeden Fall ist die insgesamt positive Einschätzung elektronischer Informationstechnologie als mögliche Arbeitshilfe bemerkenswert.

     


    NÄCHSTES KAPITEL
    HOME