4.3 Leistungen und Funktionen von Mediendokumentation aus der Makroperspektive

Von den unmittelbaren Outputleistungen der Medienarchive war schon die Rede. In einer etwas erweiterten Perspektive dann auch von jenen Funktionen, die Medienarchive für die journalistische Arbeit unmittelbar und für Zeitungsverlage zusätzlich erfüllen können. Jetzt soll die Perspektive ein weiteres Mal höher geschraubt werden. Im wesentlichen ist noch immer von Leistungen und Funktionen die Rede, nun aber in nochmals größeren Zusammenhängen. Aus der Makroperspektive auf die Systeme der Medien zeigen sich Funktionen, Veränderungen, Defizite, die bei einer vordergründigen Betrachtung des bloßen Alltagsgeschäftes unsichtbar bleiben. Dieser Blickwinkel, wie er vor allem von der Kommunikationswissenschaft eingenommen wird, dient in der Folge als Grundlage einer erneuten Darstellung der Leistungen von Dokumentationsstellen in Medienbetrieben. Ein weiteres Mal mußten dazu allerdings einander in der Praxis überlagernde und miteinander untrennbar verschränkte Phänomene um ihrer faßlichen Darstellung willen auseinandergerissen und analytisch getrennt werden. Der Leser wird mit dieser Praxis mittlerweile vertraut sein. Auf eines ist auf jeden Fall hinzuweisen. Viele sehr aktuelle Probleme, Entwicklungen, Defizite von Journalismus und Medien berühren, wie darzustellen sein wird, in entscheidender Weise die Sphären der Mediendokumentation. Diese Einsicht ergab sich aus einer kritischen Analyse des Gegenstandsbereiches, und nicht, wie es durchaus legitim wäre zu unterstellen, aus der Ambition eines engagierten Autors, sein Thema als den »Nabel der Welt« darzustellen. 

4.3.1 Informationsflut / Orientierungsverlust

Eine häufig geäußerte Kritik an den Kommunikationsverhältnissen in modernen Gesellschaften beschreibt Probleme, die durch eine hohe Quantität und geringe Qualität jenes massenmedialen Informationsaufkommens verursacht werden, das infolge moderner Arbeitsorganisation und Technologien zustande kommt. Jene Analyse, die ihr Augenmerk in erster Linie auf die schiere Menge an zu verarbeitender Information richtet, wird meist unter Bezugnahme auf die plakativen Schlagworte "Informationsflut", "Informationslawine" oder "Informationsexplosion", vorgenommen. Neil Postman hat die Situation, wie er sie für die USA sieht, eindrucksvoll beschrieben: 

"Wie sieht heute die Situation aus? In den Vereinigten Staaten gibt es 260000 Reklametafeln, 11520 Zeitungen, 11556 Zeitschriften, 27000 Video-Verleihe, mehr als 500 Millionen Radioempfänger und mehr als 100 Millionen Computer. In achtundneunzig Prozent aller amerikanischen Haushalte steht ein Fernseher, in mehr als der Hälfte von ihnen mehr als einer. Jedes Jahr werden 40000 neue Bücher publiziert (weltweit sind es 300000), und jeden Tag werden in Amerika 41 Millionen Photos aufgenommen. Und falls das noch nicht genügt: jedes Jahr landen (dank der Computertechnologie) 60 Milliarden Sendungen mit Postmüll in unseren Briefkästen.

Aus Millionen von Quellen auf dem ganzen Erdball, durch jeden erdenklichen Kanal und jedes erdenkliche Medium - Lichtwellen, Ätherwellen, Telexstreifen, Datenbanken, Telephondrähte, Fernsehkabel, Satelliten, Druckmaschinen - sickert Information hervor. Dahinter hält sich in jeder erdenklichen Form von Speicher - auf Papier, auf Video- und Audiobändern, auf Platten, Film und Silikon-Chips - eine noch viel größere Masse abrufbarer Information bereit. Wie der Zauberlehrling versinken wir in einer Flut - einer Flut von Information." 

Daß die »Informationsflutforschung« mit Zahlen bisweilen locker umgeht, belegt der willkürliche Vergleich mit einem anderen Autor, der angibt, daß die Buchproduktion bereits 1970 weltweit 500.000 Titel jährlich betragen hätte. Von dem enormen Rückgang, der sich im Vergleich zur entsprechenden Angabe bei Postman (300.000) spiegelt, hätte man eigentlich gehört haben müssen. Aber vielleicht sind es weltweit doch nur 60.000 Buchtitel, wie ein weiterer Autor die Informationsexplosion mit "imposanten Zahlen" unterstreicht. Unter Umständen ist die Informationsflut überhaupt leichter vorstellbar, wenn man weiß, das Menschen täglich rund 200.000 Informationen aufzunehmen gezwungen sind, aber nur etwa 80.000 verarbeiten können. Was soll man dann allerdings davon halten, daß ein "Mazda" eine Million Informationen pro Sekunde (!) koordinieren kann?

Der Mensch als Auslaufmodell? Mit diesem kleinen polemischen Ausritt soll auf keinen Fall die Informationsfluthypothese als solche desavouiert, sondern auf die Gefahr einer Selbstdesauvouierung durch unkritische Zahlen- und untheoretische Begrifssverwendung hingewiesen werden. Information und Information ist offensichtlich nicht dasselbe. Das Grundproblem von zuviel Information läßt sich auf jeden Fall auch ungeachtet seiner konkreten Quantifizierung darstellen: 

"Je mehr Information jedoch verfügbar ist, desto schwieriger wird es, all diese Informationen in zusammenhängende Sinnmuster zu integrieren. Das menschliche Bewußtsein wird mit einem Überfluß von Informationen konfrontiert werden, deren Relevanz es nicht mehr zu erkennen vermag. Bekanntlich ist die individuelle Fähigkeit, neue Informationen in bestehende Sinnmuster zu integrieren, begrenzt. Wenn Information das Bewußtsein im Übermaß belastet, entsteht kognitive Dissonanz (Festinger 1978), und das Bewußtsein reagiert dann, um völlige Verwirrung zu vermeiden, in irrationaler Weise. Dies ist das Problem, das man als das Relevanzdefizit der Informationstechnik bezeichnen kann, und es könnte zu einer allgemeinen Sinnkrise führen."

Beim Namen genannt werden mögliche Auswirkungen von Informationsüberlastung beispielsweise als Hilflosigkeit, Frustration und Apathie, oder als Urteilsunfähigkeit bzw. Handlungsohnmachtserfahrung, aber auch etwa als tendenzieller Verlust von Eigenschaften wie Risikobereitschaft, Verantwortlichkeit und Selbstwertgefühl.Wobei jedoch Jay Blumler das Augenmerk vom Aspekt der Quantität weg hin zur Qualität von Information lenkt, indem er in der schieren Masse noch nicht das Problem sieht. Er argumentiert, daß die selektive Aufmerksamkeit des Menschen seit jeher mit Informationsüberlastung gut zurecht gekommen wäre. Problematisch sei lediglich das massive Anwachsen der durch professionelle Kommunikation erzeugten, "nur teilweise nützlichen Information", weil diese Aufmerksamkeitsbarrieren überwinden könne, und so das Bewußtsein verstopfe.

Ebenfalls an der Qualität der produzierten Information setzt eine genuin kommunikationswissenschaftliche Kritik an, die argumentiert, daß Medien die Orientierungsaufgabe, die ihnen gestellt sei, nicht im wünschenswerten Ausmaß erfüllen würden, beispielsweise weil Nachrichten nicht ausreichend in Hintergründe und Zusammenhänge eingebettet wären. Medienbetriebe und Journalisten sehen sich mit dem Vorwurf konfrontiert, sie würden mit der Umsetzung von Informationsquantität in -qualität überfordert sein.Was aber hat das alles aber mit den Medienarchiven zu tun?

Dort, wo die Informationsflut als gesamtgesellschaftliches Problem dargestellt wurde, sind Archive und Dokumentationsstellen ganz allgemein angesprochen. In ihrem Verantwortungsbereich sind jene Kulturtechniken beheimatet, von denen man sich unter Umständen mögliche Wege aus der skizzierten Informationskrise erwarten kann. Gerade "aktives Informierungshandeln in formalen Ordnungsstrukturen", wie es etwa die Datenbankrecherche darstellt, hätte das Zeug dazu, als unabdingbare Kulturtechnik, fast im Rang von Lesen und Schreiben, zum universellen Bildungsrepertoire zukünftiger Gesellschaften zu gehören. Der spezifische Beitrag der Mediendokumentation zu einer zukünftigen Informierungskultur könnte übrigens ihre hohe, ausschließlich an Qualität und Nutzen orientierte Selektivität sein. Ihre Praxis, für nicht gut Befundenes leichten Herzens wegzuwerfen. Es ist der Mut zur Lücke, der Medienarchive in ihrer Auseinandersetzung mit der täglichen Informationsflut auszeichnet. Zu einer Lücke wohlgemerkt, die nicht willkürlich zustande kommt, sondern durch systematische Auswahl erarbeitet wird und damit nachvollziehbar bleibt. Ein gelassenes und selbstbewußtes "ich muß nicht alles wissen, aber ich weiß, wo ich das Wichtigste finde" wird das Erbteil der Medienarchive an einer Philosophie der Informationsgesellschaft sein.

Dort, wo argumentiert wird, daß nicht die Menge an sich, sondern die geringe Qualität der Menge das Problem wäre, sind Dokumentationsstellen der Medienbetriebe unmittelbarer angesprochen. Sie stellen eine strukturelle Voraussetzung für orientierungsunterstützenden Zusammenhang und Hintergrund in Medieninformationen dar. Allerdings weder eine im Einzelfall unabdingbar notwendige, noch eine selbstgenügsam hinlängliche. Natürlich kann ein Redakteur in seinem Fachgebiet Zusammenhänge und Hintergründe selbständig erkennen und darstellen, sowie sich mit Daten und Fakten durch Expertenkontakte und aus seinem Handarchiv versorgen. Und selbstverständlich nützt die beste Dokumentationsstelle nichts, wenn es nicht auch journalistischer Professionalität entspricht, sie auch gezielt in Anspruch zu nehmen. Aber das sind keine Argumente gegen Mediendokumentation an sich, sondern nur Erläuterungen ihrer Randbedingungen.

 4.3.2 Aktualität / Hintergrund

Faszinierenderweise ergibt es sich, daß die im vorangegangenen Kapitel normativ geforderte vermehrte Berücksichtigung von "Hintergrund" und "Zusammenhang" mit einer aus Wettbewerbsgründen stattfindenden Funktionsverlagerung innerhalb der verschiedenen Medienkategorien zusammenfällt. Mehr Hintergrund und Zusammenhang ist nicht nur die Forderung von besorgten Kommunikationswissenschaftern, die um die Rationalität des öffentlichen Diskurses fürchten, sondern auch die naheliegendste Marktstrategie für Printmedien, die den Wettkampf um die Aktualität gegenüber den elektronischen Medien unaufholbar verloren haben.

Daß die technisch/organisatorischen Entwicklungen, die zu den als Informationsflut und Orientierungslosigkeit angesprochenen Defiziten geführt haben, auch gleichzeitig jene Dynamik bedingen, die diese Mangelfaktoren aufzuheben imstande zu sein scheint, ist in diesem Zusammenhang eine interessante Beobachtung. Um sich alleine darauf hin schon ein abschließendes Urteil über die Leistungsfähigkeit marktwirtschaftlicher Medienorganisation oder informationstechnologischer Veränderungen zu bilden, reicht diese Beobachtung allerdings nicht aus.Ein großes Stück der wechselseitige Anpassung von elektronischen und Printmedien scheint schon lange passiert zu sein. Elisabeth Noelle-Neumann hat sich mit diesem Prozeß ausführlich auseinandergesetzt und kommt etwa zu dem Schluß, daß die Zeitungen, die zu Beginn der 70er Jahre auf das Fernsehen zu reagieren begannen, die entsprechenden Veränderungen bis Mitte der 80er Jahre weitgehend vollzogen hatten. Die Ausgangsfrage, der sich die Redakteure zu stellen hatten, war, ob sie eine Strategie der Konkurrenz und Imitation oder der Komplementarität und Ergänzung zu Radio und Fernsehen verfolgen sollten. Aufgrund der Entwicklung von Auflagenzahlen weist Noelle-Neumann nach, daß jene Zeitungen, die sich am deutlichsten komplementär zu den elektronischen Medien positionierten, in der Folge auch den größten Erfolg verbuchen konnten. Neben vielen Detailanpassungen war vor allem die Besinnung auf die genuine Zeitungsaufgabe der Hintergrunddarstellung und eine forcierte Lokalisierung der Berichterstattung als Hauptstrategien der Printmedien festzustellen. Insgesamt kann man sagen, daß die grundlegende Funktionsteilung zwischen Elektronischen- und Printmedien entlang der Schwerpunkte Vermittlung von aktueller Information bzw. Zusammenhang und Hintergrund mittlerweile zu einer nicht weiter zu erörternden Binsenweisheit geworden ist. Auf den Punkt gebracht hat dies der Verleger Dietrich Oppenberg, der das Verhältnis von Fernseh-Information und Zeitung in folgendes Bild gefaßt hat: die Fernseh-Nachrichten seien wie ein Telegramm, in dem es am Ende heißt: "Brief folgt" - und der Brief, das sei die Zeitung.

Eine passende Ergänzung, mit einem kleinen Rekurs auf das vorangegangene Kapitel, stellt die Einschätzung eines Autors dar, der bei dem Thema "Irrational durch Information" zu dem Schluß kommt, daß dem Fernsehen nur in Verbindung mit dem gedruckten Wort eine »realistische Information« gelänge. Eines muß an dieser Stelle allerdings klargestellt werden. Dieser kurze Abschnitt ist keine gesamthafte Darstellung der Auseinandersetzung Zeitung/Fernsehen, sondern nur ein grober Abriß, der vor allem die Entwicklung der Printmedien hin zur Hintergrunds- und Zusammenhangsdarstellung als eine mögliche Komplementärstrategie ein wenig erläutern soll. Und das nur deshalb, weil diese Akzentuierung die Dokumentationsressourcen der Verlage notwendigerweise tangiert. Ebenso massenmedial vermittelte Funktionen wie Service, Unterhaltung, Weltbild, Meinung und viele andere mehr können hier nicht erörtert werden und wären auch nicht von Interesse. Und natürlich ist es auch nicht so, daß das Fernsehen keine Hintergründe vermitteln würde, aber Printmedien haben einige, vor allem mit ihrer Materialität einhergehende Vorzüge, die sie für Hintergrundinformation und Zusammenhangsdarstellung unverwechselbar geeignet erscheinen lassen. Wie aber soll man sich das nun konkret vorstellen: Informationen, die vom jeweils aktuelleren Medium nur entsprechend angerissen und verkürzt wiedergegeben werden, immer ausführlicher darzustellen und tiefer in ihre Zusammenhänge und Kontexte einzubetten? Eine solche »Hintergrundstafette« beginnt beim Radio, setzt sich über das Fernsehen und Tageszeitungen fort bis hin zu Wochen- und Monatsmagazinen, gerade, daß man Jahrbücher nicht erwähnen muß. Ein Lehrbuchbeispiel einer solchen »Stafette« konnte in Österreich im Herbst 1992 beobachtet werden:

Das Startsignal gab am 27. November um ein Uhr dreißig nachts ein automatischer Brandmelder in der Hofburg. Ein Trakt des historisch wertvollen Gebäudes stand in Flammen, unschätzbare Kulturwerte waren in Gefahr. Obwohl es den Einsatzkräften weitgehend gelang, ein Ausbreiten des Feuers zu unterbinden, symbolisierten die glosenden Trümmer des nächsten Morgens einen Schaden von gut einer Milliarde Schilling. Der ORF berichtete mit mobilen Radioreportern schon in der Nacht kontinuierlich. Sondersendungen des Fernsehens gab es in der Folge bereits innerhalb von Stunden. Noch am Nachmittag desselben Tages erschien die Tageszeitung "Der Standard" mit 16 (!) Seiten Hintergrund. Das Wochenmagazin "profil" schließlich, das zur Sache selbst wohl beim besten Willen nichts mehr Neues zu berichten gehabt hätte, nutzte die Gelegenheit geschickt, den Hofburgbrand in einen vorderhand ungewöhnlichen Zusammenhang zu stellen und machte, anknüpfend an reflexhafte Zurückweisungen einzelner Landeshauptleute sich an den Kosten der Wiedererrichtung zu beteiligen, eine Titelgeschichte über die Beziehung der Bundesländer zu Wien.

Der Anschlußpunkt dieser Ausführungen zu den Archiven und Dokumentationsstellen der Medienbetriebe muß wohl nicht näher erläutert werden. Einzelne Leistungen der Hintergrundberichterstattung und Zusammenhangsetzung sind sicherlich auch ohne dokumentarische Ressourcen möglich, aber dieses Element als konstanten Faktor anzustreben und zu pflegen, dazu bedarf es einer leistungsfähigen und ausreichend dotierten Dokumentationsstelle. Es gibt allerdings ein vordergründig plausibles Argument gegen den akademisch unterstellten Handlungsbedarf der Printmedien, sich vom Primat der Aktualität weg und verstärkt hin zu Hintergrund und Zusammenhang zu orientieren, nämlich, daß es - abgesehen von wissenschaftlichen Analysen - sonst wenig Indikatoren für ein Leser- oder Käuferinteresse an einer solchen Neuorientierung gäbe. Radio, Fernsehen, Zeitungen und Zeitschriften bestünden schon sehr lange nebeneinander und die Printmedien hätten dabei klassische Formen und Inhalte weitgehend unbeschadet beibehalten. Dem ist unter anderem auf jeden Fall entgegenzuhalten, daß sich Lese- bzw. Mediennutzungsgewohnheiten nur sehr schwerfällig, im Zeitmaß von Generationen ändern. Außerdem kann man sich das Bedürfnis nach vermehrter Zusammenhangsetzung auch als unbewußtes Bedürfnis der Leser vorstellen. Das Rennen wird machen, wer dieser unbewußten Nachfrage neue adäquate Angebote gegenüberstellt.

4.3.3 Informationsautonomie des Systems Journalismus

Eine Reihe von Analysen, die Defizite von zeitgenössischem Journalismus aufzeigen wollen, und die in der Folge näher ausgeführt werden, beschreiben besorgt Phänomene, die sich unter dem Oberbegriff eines Verlustes der Informationsautonomie des Systems Journalismus zusammenfassen lassen. Archive und Dokumentationsstellen kommen dabei in einer durchaus ambivalenten Rolle vor. Ihre Bewertung reicht von der Einschätzung als notwendigem Teil einer autonomen und genuin journalistischen Rechercheinfrastruktur bis zur resignativen Einsicht, daß Archiv- und Datenbankrecherche als Formen der »Schreibtischrecherche« zwar nicht unbedingt erstrebenswerte und zu forcierende Formen darstellen würden, aber noch immer besser wären als gar keine Recherche.

Die folgenden Darstellungen korrespondieren mit jenem Verständnis von Journalismus, wie es bereists in Kap. 4.1 dargestellt ist, und das, um kurz zu wiederholen, zwei idealtypische Informierungshaltungen unterscheidet. Eine passiv/abwehrende Haltung gegenüber um Aufnahme im redaktionellen Teil von Massenmedien konkurrierende »Überflußinformation«, und eine aktiv/suchend gegenüber verborgener »Mangelinformation«. Die zentrale These ist, daß sich das System Journalismus, unter spezifischen organisatorisch/technischen Zwängen, dem sanften Druck der »Überflußinformation« ergeben hätte und die korrigierende, Ausgleich schaffende Recherche nach »Mangelinformation« stark in den Hintergrund getreten wäre.

Wie das bei »Selbstverständlichkeiten« generell der Fall ist, war die Recherche lange Zeit ein Element journalistischen Arbeitens, das von der Publizistikwissenschaft nur sehr peripher wahrgenommen wurde. Als sich durch technisch/organisatorische Umwälzungen allmählich abzuzeichnen begann, daß journalistische Informationsaufbringung immer stärker auf Recherche verzichten konnte und sich damit auch die Aufmerksamkeit der Wissenschaft dieser »bedrohten Art« zuzuwenden begann, mußte verblüfft festgestellt werden, daß der Begriff Recherche in zentralen Nachschlagewerken des Faches gar nicht vorkam. Mittlerweile hat sich auf diesem Gebiet einiges getan, und die theoretische Durcharbeitung des Themas ist gediehen.

Es war die Fraktionierung des »einen Journalisten« in diverse Journalistenrollen und des »einen Journalismus« in diverse Journalismusverständnisse, die eine adäquate Analyse möglich und funktionale Verschiebungen und Verlagerungen begrifflich faßbar machte. Als durchgängiges Ergebnis vieler Analysen mußte der fortschreitende Rückgang des aktiven Recherchenjournalismus zu Gunsten eines tendenziell reaktiven, passiven »Informationsjournalismus« festgestellt werden. Im wesentlichen ist der Rückgang von Recherche durch zwei Entwicklungen bedingt. Zum einen durch die immer professionellere Aussagenproduktion diverser gesellschaftlicher Protagonisten wie etwa Verbände, Institutionen, Parteien. Und zum anderen durch die wirtschaftlichen Optimierungsdynamiken unterliegende journalistische Arbeitsorganisation, die arbeitsteilige, ressourcenoptimierende Verfahren nahelegt. Zugespitzt werden beide Entwicklungen durch einen informations- und kommunikationstechnologischen Fortschritt, der den einzelnen, mit der entsprechenden Infrastruktur versehenen, Journalistenschreibtisch zur optimalen Schaltstelle von Input- zu Output-Information macht.

Mit dieser Arbeitsorganisation muß nicht zwangsweise ein vollkommener Verlust der Recherche einhergehen, sondern lediglich eine Rationalisierung und Einschränkung auf spezifische Formen von Informationskanälen und -quellen. Dazu zwei Zitate, die beide die Rolle elektronischer Dokumentationsverfahren in diesem Prozeß beschreiben. 

"Und die Recherche? - Hier erst wird deutlich, welche Perspektive die derzeit nur als zusätzliches Instrument angesehenen elektronischen Datenbanken und Archive haben. Sie werden unter den Bedingungen einer Verbundproduktion zur hauptsächlichen, in vielen Fällen einzigen Zusatzquelle, die neben dem nackten Ereignis oder dem Interview noch Platz hat. Umgeben von elektronischen Vermittlungswegen, hat der "Verbund-Journalist" nämlich gar keine andere Wahl mehr, als auch die Recherche auf diesen Weg zu lenken. Die Rationalisierung der Recherche ist dabei nur ein, für die Hauptinteressen dieses Prozesses gar nicht bedeutender Teil der Elektronisierung des Journalismus unter dem Diktat intermediärer Expansion." 

"Solide Chancen zur Entwicklung hat der Recherchenjournalismus überhaupt nur da, wo er zu den Bedingungen und dem Wandlungsspielraum des ´kapitalistischen Realismus´ paßt. Professionell durch speziellere Reporterrollen, die den Einsatz der Produktionselektronik bei Presse und Rundfunk offensichtlich herausfordert. Technologisch im Zusammenhang mit elektronischen Archiven und Datenbanken, die Intensität journalistischer Recherche beträchtlich steigern können." 

Besonders deutlich zeigt sich in diesen Kommentierungen das ambivalente Potential von Archiven und Dokumentationsstellen. Es scheint unbestreitbar, daß ihnen eine entscheidende Bedeutung im Rahmen zeitgemäßer Rechercheorganisation zukommt. Welche Wirkung sie dabei konkret entfalten, hängt allerdings von der Art ihrer Inanspruchnahme ab. Als dominante Recherchequelle mögen sie zu Schreibtischjournalismus und publizistischem Recycling verführen, doch in virtuoser Kombination mit anderen Realitätszugängen entfalten sie ihre spezifische qualitätssteigernde Wirkung.

Eine weitere Facette möglicher Auflösungserscheinungen medialer Informationsautonomie ist die durch schwache dokumentarische Ressourcen tendenziell steigende Abhängigkeit von Experten. Das Argument ist nicht von der Hand zu weisen, daß jede Informationsleistung auch über kurz oder lang in irgendeine Form von Gegenleistung münden muß. Mit der »unschuldigen« Namensnennung allein wird es nicht immer abgetan sein, vor allem wenn, ein Journalist auf »seine« Fachexperten regelmäßig angewiesen ist. Es geht auch schlicht um die Frage, wer die Themen und ihre Akzentuierung vorgibt. Das Verhältnis zwischen dem Journalisten und der Informationsquelle ist in diesem Kontext von einem US-Wissenschafter einmal mit einem Tango verglichen worden. Nicht ohne den Hinweis, das nur einer führen könne, und das sei im allgemeinen die Informationsquelle.

Die mögliche Leistung der Medienarchive ist klar: 

"Archive, Bibliotheken und Dokumentationsstellen bieten dem Journalisten die Chance, sich aus den strukturellen Abhängigkeiten einer ´limitierten Recherche´ zu befreien und ermöglichen ihm, mit erweitertem Hintergrundwissen zu operieren. Aus einem via Öffentlichkeitsarbeit betreuten Journalismus kann so wieder ein funktionierendes System unabhängiger und weniger gegängelter Informationsleistungen werden." 

Wenn es schließlich einen Bereich gibt, der permanent im Gespräch ist, wann immer die strukturelle Schwäche autonomer dokumentarischer Informationsressourcen für Journalisten mit Sorge beklagt wird, so ist es jener der Politik. In der Tat ist die Politik ja nicht irgendein Themenbereich wie viele andere. Eine zentrale öffentliche Aufgabe des Systems Journalismus ist die kritische Überwachung des Systems Politik. Die Praxis zeigt, daß sich diese Funktion durchaus mit der privat- und marktwirtschaftlichen Orientierung der Medienbetriebe zur Deckung bringen läßt. In einem gewissen Ausmaß ist diese sogar eine Voraussetzung für eine unabhängige Kontrollfunktion.

Es ist allerdings die Frage zu stellen, ob diese Aufgabe gegenüber einer Politik die ihr Agieren gegenüber der Öffentlichkeit zusehends professionalisiert auf Dauer adäquat bewältigt werden kann. Damit ist fachmännische Öffentlichkeitsarbeit genauso gemeint wie der Betrieb von leistungsfähigen politischen Informations- und Dokumentationsapparaten zur Aussagenunterstützung und Interviewvorbreitung etc. So kann man in der ORF-Pressestunde bisweilen live miterleben, wie Journalisten, sich unbekümmert an ein paar mitgebrachte Zettel klammernd, versuchen, gegen Politiker anzugehen, die aus der Fülle eines wohlvorbereiteten strukturierten Dossiers mit Daten und Fakten argumentieren und zum Drüberstreuen den »Herrn Redakteur« schulmeisternd auf den einen oder anderen vor Jahren von ihm publizierten Artikel hinweisen.

Wenn also etwa die Nachrichtenagenturen heute stolz vermelden, immer größere Anteile ihrer Erlöse im »Nichtmitgliedergeschäft« zu machen, muß auch die Frage erlaubt sein, was denn die werten Nichtmitglieder mit all den Informationen so anfangen. Und der Schluß liegt nahe, daß diese Informationen - legitimerweise - in einem nicht unbeträchlichen Ausmaß dazu genutzt werden, um Daten, Fakten und Argumente für die Konfrontation mit der Öffentlichkeit zu gewinnen. Ob die »Vertreter der Öffentlichkeit«, als die sich Journalisten durchaus gerne sehen, über die für diese Auseinandersetzung steigend notwendigen Informationsressourcen verfügen, sollte zumindest hypothetisch einmal bezweifelt werden. Es ist zu hoffen, daß dieser Gefahr in den Medienbetrieben ebenfalls gesehen wird und daß Bereitschaft zu Investitionen in dokumentarischen Ressourcen besteht, um beim Informationswettrüsten gleichzuziehen.

 4.4 Zusammenfassung

Nun ist also die breite Palette von Leistungen der Mediendokumentation ausgebreitet und auch ihre potentielle Dysfunktionalität, beispielsweise im Sinne von publizistischem Recycling, erörtert. Eine Bilanz der Argumente bringt ohne Frage eine eindrucksvolle Bestätigung der wichtigen Rolle von Archiv und Dokumentation in Medienbetrieben. Betrachtet man allerdings die Praxis, so muß man Archive und Dokumentationsstellen viel zu oft als um ihre Existenz ringende und von permanentem Einsparungsdruck bedrohte Abteilungen erleben, die ihre liebe Mühe haben, ein Bewußtsein für ihre Leistungen und Verständnis für ihre Kosten zu schaffen. Wie ist das zu erklären?

Zum Teil mag es daran liegen, daß viel zu selten die ganze Breite möglicher Archivleistungen aktiv ausgenutzt wird. Das Leserservice etwa, das, vor allem im Sinne eines exklusiven Informationsdienstes für Abonnenten, eine exzellente Marketingmaßnahme darstellen würde, wird den Dokumentationsstellen lediglich als selbstverständliche Leistung abverlangt, die sich, wie so vieles, nebenbei ausgehen muß. Damit fällt zwar ein beträchtlicher Aufwand an, es wird aber darauf verzichtet, diesen in irgendeiner Form professionell für den Verlag zu lukrieren. Leider findet sich in viel zu wenigen Verlagen die Einstellung: wenn wir schon eine Dokumentationsstelle brauchen, dann investieren wir gleich ein bißchen mehr und nützen die ganze Breite möglicher Leistungen von Image bis zur Qualitätsverbesserung bewußt aus. Ein Grund dafür ist sicherlich, daß es in der Tat nicht einfach scheint, Aufwände und Erträge von Dokumentationsarbeit exakt zu formulieren, zu quantifizieren und zu planen. Nur ist dies eine unabdingbare Voraussetzung für Investitionsentscheidungen. Es werden sich wahrscheinlich Erfahrungen herumgesprochen haben, wie sie etwa der Schweizer Ringier-Verlag machen mußte, der Dokumentationsjournalismus forcieren wollte und zu diesem Zweck anfang der 80er Jahre ein Dokumentationszentrum errichtete. Nach einigen Jahren Betrieb mußte man feststellen, daß sich, um die gesteckten Dokumentationsziele halten zu können, die Anzahl der Beschäftigten gegenüber der Planung verdoppelt hatte und die Kosten mehr als das. Anstatt 20 Personen arbeiteten nun 47, und die jährlichen Betriebskosten waren von 2 Millionen Franken auf jenseits der 4 Millionen gestiegen. Sicherlich keine erfreuliche Entwicklung für die Geschäftsführung.

Damit ist auch ein Anspruch an Dokumentarausbildung deutlich formuliert. Informationsökonomie in dem Sinn, erwartbare Aufwände und Erträge in ökonomischen Begriffen zuverlässig einschätzbar machen zu können, ist ein Lehrinhalt, an dem eine zeitgemäße Ausbildung nicht vorbei kann. Eine Darstellung ihrer Leistungen in ökonomischen Begriffen ist allerdings beileibe kein Allheilmittel für alle Akzeptanzprobleme der Dokumentationsstellen in Medienbetrieben. Wie auch viele andere Instanzen der Informationsdienstleistung erfüllen sie Funktionen, die in Geld unmittelbar nicht bewertbar sind. Man denke im Vergleich an die öffentlichen Bibliotheken.

Gerade bei ihrer Kernaufgabe, in der Dokumentationsstellen nur die Qualität verbessern, sind sie auf eine Grundakzeptanz angewiesen, die sich nicht in ökonomischen Meßgrößen ausdrücken läßt. Am Markt entscheidet ein ganzes Bündel von Faktoren für die Hinwendung zu einem speziellen Medienprodukt. Informationsqualität, Vertrauenswürdigkeit oder Zuverlässigkeit sind für Kaufentscheidungen leider nicht objektivierbar. Daß es ein Qualitätsmedium wäre, behauptet jedes Unternehmen mit aus seiner Sicht unabweisbaren Argumenten. Und das ist auch der Punkt, an dem auf eine unmittelbare Verantwortung der Kommunikationswissenschaft für die Dokumentationsstellen der Medienarchive hingewiesen werden muß. Dort, wo es um Qualität geht, ist es Aufgabe der Wissenschaft, den Archiven mit guten Argumenten unterstützend zur Seite zu stehen, und an der Entwicklung von Ansprüchen gegenüber Medien mitzuarbeiten, die nachvollziehbare Informationsqualität auch zu einem für Rezipienten zunehmend relevanten Faktor machen.

 


NÄCHSTES KAPITEL
HOME