5 Pressearchive in Österreich   

Rundfunkarchivierung muß in diesem Abschnitt ausgespart bleiben. Die Orientierung auf handhabbare Arbeitsziele gebot diese Einschränkung. Das ist schade, weil die Mediendokumentation gerade im Bereich des ORF eine bemerkenswerte Entwicklung genommen hat. Andererseits gibt es, im Gegensatz zur Situation bei den Printarchiven, eine Reihe von Publikationen, aus denen sich der Interessierte selbst ein Bild machen kann.  

5.1 Beschreibung der Erhebungsinstrumente

Um die Situation der Pressearchivierung in Österreich umfassend darstellen zu können, wurden die Erhebungsinstrumente der Literaturkompilation, der Umfrage, des Interviews und der Besuchs-Exploration miteinander kombiniert, wobei insgesamt drei Frageformulare sowie ein freies Interviewkonzept und ein freies Erhebungskonzept zur Anwendung kamen. Die Frageformulare sind im Anhang abgedruckt.

Die Literaturkompilation erwies sich als kaum ergiebiger Ansatz, da über Archive und Dokumentationsstellen österreichischer Printredaktionen nur einige wenige Publikationen existieren. Eine Ausnahme in Österreich stellt das Archiv der "Oberösterreichischen Nachrichten" dar, über dessen Arbeit mehrere aktuelle Darstellungen publiziert sind. Dieser Umstand ist vermutlich in der Marketingarbeit der OÖN für ihren Datenbank- und Recherchedienst "Info-Search" begründbar.

Die konkrete Datenerhebung für diese Arbeit begann im Frühjahr 1992 mit einem kurzen standardisierten Frageformuar, das auf die Rückseite einer frankierten Antwortpostkarte gedruckt war (siehe Anhang). Ziel dieser ersten Umfrage war es, auf breiter Basis abzustecken, wieviele Archive in österreichischen Printmedien geführt werden und wie groß diese jeweils sind. Aus dem Pressehandbuch 1990 wurden aufgrund von Auflagenzahlen bzw. Einzugsgebiet 59 österreichische Printredaktionen ausgewählt, bei denen sich in irgendeiner Weise ein Archiv vermuten ließ. In diesem Sample waren auch die Bundesländerredaktionen großer Tageszeitungen enthalten. Von den 59 ausgeschickten Antwortpostkarten wurden im Verlauf der Folgemonate 38 postalisch rückübermittelt, was einem Rücklauf von 64,4 % entspricht.

Vor dem Hintergrund dieser Erhebung konnten dann zusätzlich im Zeitraum von Frühjahr bis Herbst 1993 acht Archive von großen Zeitungen und Zeitschriften besucht werden, bei denen in ein bis zwei mehrstündigen Sitzungen grundsätzliche Einblicke erworben und weitere Daten erhoben wurden.

Bei den Archivbesuchen kamen jeweils vier separate Befragungs- und Erhebungsinstrumente zum Einsatz:

1.) Ein Erhebungsleitfaden zur Befragung nach der jeweiligen Aufbau- und Ablauforganisation sowie Infrastruktur, Technologie, Bestände, Ressourcen.

2.) Ein Fragebogen für Archivleiter (siehe Anhang S. vii "Fragebogen Archivverantwortliche"): Dieses Formular behandelte Zukunftsfragen, allgemeine Einschätzungen und Meinungen. Der Fragebogen wurde üblicherweise in der Regel zurückgelassen und dann ausgefüllt am Postweg übermittelt. Von den acht ausgegebenen Formularen wurden sieben retourniert.

3.) Ein Erhebungsleitfaden für ein freies Interview zu allgemeinen fachlichen Meinungen und Einschätzungen von Archivleitern. Die Ergebnisse dieses Expertengesprächs wurden zur ergänzenden Interpretation des Fragebogens für Archivverantwortliche herangezogen.

4.) Ein Fragebogen für Archivmitarbeiter (siehe Anhang S. i "Mitarbeiterbefragung: Medienarchivare in Österreich"): Von diesem Fragebogen wurden in den besuchten Medienarchiven jeweils eine ausreichende Anzahl gemeinsam mit einem frankierten Antwortkuvert zurückgelassen. Die Fragen sollten hauptsächlich die Arbeitssituation der Mitarbeiter von Medienarchiven beleuchten. Von ca. dreißig zurückgelassenen Fragebogen wurden neun retourniert. 

 Stichprobendaten der standardisierten Erhebungsformulare

Erhebung:

Stichprobe:

Ausgabe

Stück

Rücklauf Stück

Rücklauf

%

Postkartenumfrage alle in Frage kommenden Redaktionen

59

38

64,4

Fragebogen für Archivleiter acht ausgewählte Archive großer Printmedien

8

7

87,5

Fragebogen für Mitarbeiter s.o.

ca. 30

9

30

 

 Besuchte Verlags- bzw. Redaktionsarchive

 

Auflage:

Kurier

411083

Neue Kronen Zeitung

1033516

Presse

72125

Trend/profil

106000

Wiener Zeitung

k.A.

Salzburger Nachrichten

88993

Tiroler Tageszeitung

97570

Der Standard

74000

In die Erhebung von Bestandsumfängen und Beschäftigtenzahlen wurden durch die Postkartenumfrage und das Literaturstudiom alle in Frage kommenden Verlage einbezogen. In den obendrein persönlich besuchten Dokumentationsstellen arbeiten mehr als die Hälfte der in Österreich hauptberuflich als Dokumentare und Dokumentarinnen tätigen Personen. 

5.2 Ergebnisse

Die Daten und Eindrücke der Erhebungen sind bereits maßgeblich in Kap. 3, das die Arbeitsfelder in Medienarchiven beschreibt, eingeflossen. Die allgemeinen Darstellungen der Tätigkeit von Medienarchiven bedurften dieser Rückbindung in konkreter Arbeitspraxis, um nicht ein bloßes Literaturkompilat darzustellen. Einleitend ist an dieser Stelle festzuhalten, daß die Erhebungsergebnisse weiterhin anonymisiert verwendet werden und die Darstellungen aus diesem Grund auf einer sehr allgemeinen Ebene bleiben. Diese Vorgangsweise wurde bei der Kontaktaufnahme mit den Archivleitern ungefragt angeboten. Dafür gab es mehrere Gründe:

Erstens unterliegen relevante Interna von Wirtschaftsbetrieben stets einer gewissen Vertraulichkeit. Darüberhinaus stellt die Abwehr von unqualifiziertem Einsparungsdruck ein häufiges Problem von Dokumentationsstellen dar. Sich in dieser Situation der öffentlichen Analyse eines unbekannten Außenstehenden auszusetzen, wäre aus Sicht eines Archivs geradezu fahrlässig gewesen und sollte nicht zugemutet werden. Zum anderen hätte die konkrete Nennung der Archive den Wert der vorliegenden Ausführungen in keiner Weise erhöht. Detaillierte vergleichende Beschreibungen legen eine zumindest implizite Bewertung der einzelnen Dokumentationsstellen nahe. Die Anonymisierung wurde auch gewählt, um den Verdacht grundsätzlich zu unterbinden, oberlehrerhaft Benotungen verteilen zu wollen. Damit soll allerdings wiederum nicht gesagt werden, daß Einzelfallbeschreibungen an sich wertlos wären. Gerade das Beispiel der Bundesrepublik Deutschland zeigt eindrucksvoll, wie solche Darstellungen die Akzeptanz von und das Interesse an Mediendokumentation steigern können. Mit den Zielsetzungen dieser Arbeit war dies jedoch nicht zu vereinbaren. Es wäre zu wünschen, daß sich an anderer Stelle die Gelegenheit ergibt, die Dokumentationsstellen der österreichischen Medienbetriebe in einem passenden Rahmen vor den Vorhang zu bitten.

 5.2.1 Allgemeine Darstellung

Die Tätigkeitsfelder in Medienarchiven sind schon an einer anderen Stelle allgemein beschrieben worden. Aus diesem Grund kann hier alles unterbleiben, was nur eine Wiederholung dieser Abschnitte wäre. Alle österreichischen Medienarchive arbeiten im Grunde so, wie generalisiert beschrieben wurde. In allen Betrieben findet sich eine ähnliche Organisationsstruktur und dieselben grundsätzlichen Tätigkeitsfelder. Die folgenden Ausführungen brauchen aus diesem Grund nur Einblick in nationale Spezifika und hervorhebenswerte Entwicklungen zu geben. 

 5.2.1.1 Archivgröße

Eine sicherlich aussagekräftige Maßzahl für Medienarchive ist deren Größe. Doch mit welchem Indikator ist diese meßbar? Hauptsächlich bieten sich dazu wohl die Anzahl der Mitarbeiter und der Umfang der Bestände an, aber auch eine Zählung der Nutzerkontakte wäre denkbar. Eine Umfrage in der BRD, die 1984 publiziert wurde, hat hautpsächlich die Mitarbeiterzahl und das Ausmaß der jeweils lagernden Bestände erhoben. Die österreichische Erhebung an diese Umfrage anzulehnen, bot sich schon deshalb an, weil damit eine internationale Vergleichbarkeit der Ergebnisse ermöglicht wird. Auf eine gegenüberstellende quantitative Darstellung der Daten mußte allerdings verzichtet werden. Die Gründe dafür liegen darin, daß sich derartig viele Meßeinheiten ergeben, daß der für einen Vergleich notwendige Bezug auf eine einheitliche Basis nicht seriös möglich ist. Schon die seinerzeitige Umfrage in der BRD unterschied folgende Bestandsmaße:

Dazu kommen noch Meßgrößen wie die Anzahl von Ordnern, Mappen, Kartons oder Periodika-Ganzstücken.. Obendrein wären auch elektronische Bestände an Dokumentationseinheiten (Datensätze) und Dokumenten (Volltexte) einzubeziehen gewesen. Diese wiederum können als Anzahl von Datensätzen, Zeichen oder in Megabyte angegeben sein. Wie schon die sehr heterogenen Ergebnisse der deutschen Umfrage vermuten ließen, waren die Archive, wenn überhaupt, meist nur in der Lage, jeweils eines der Bestandsmaße ungefähr anzugeben. Diese verschiedenen Angaben zum Zweck der Vergleichbarkeit auch nur innerhalb der Dokumenttypen aufeinander zu beziehen, würde unvertretbare Verzerrungen mit sich bringen und letztlich keine Aussage enthalten.

Was die Anzahl der Beschäftigten in den Archiven österreichsicher Printmedien angeht, ergab sich folgendes Bild: Durch die Erhebung belegt sind 34 vollbeschäftigte und 40 teilbeschäftigte Archivare und Archivarinnen bzw. Dokumentare und Dokumentarinnen. Mit Blick auf die nicht erfaßten Medienbetriebe und unter Berücksichtigung ihrer Größe ist zu schätzen, daß es in Österreich nicht mehr als 40 in Vollzeit und 50 bis 60 in Teilzeit mit archivarisch/dokumentarischen Aufgaben betraute Mitarbeiter in Printmedien geben wird. Die nur teilweise mit Archivarbeit beschäftigten Mitarbeiter gliedern sich in zwei große Gruppen. Einerseits kaufmännisches Personal wie beispielsweise Sekretärinnen, die neben ihrer Verwaltungsarbeit selbständig irgendeine Form von Archiv bzw. Informationsnachweissystem betreuen. Andererseits ausschließliche Teilzeitarbeitskräfte, vor allem Studenten, die vollbeschäftigte Medienarchivare unterstützen.

Die durchschnittliche Anzahl der in österreichischen Printarchiven Arbeitenden wurde, um Verzerrungen zu vermeiden, nur aus jenen acht Betrieben berechnet, die angaben, mehr als einen Mitarbeiter in Vollzeit zu beschäftigen. Demnach arbeiten im Schnitt 3,38 Vollbeschäfitgte und 2,88 teilbeschäftigte Archivare bzw. Dokumentarinnen in den größeren österreichischen Printmedien.

Dazu gibt es zwei Vergleichszahlen aus den USA. Die eine bezieht sich auf große Printverlage mit über mehr als 100.000 Stück Wochentagsauflage, und die andere auf kleine mit weniger als 50.000 Auflage. Die kleinen Printmedien beschäftigen durchschnittlich nur einen Vollzeitmitarbeiter im Archiv. In den 108 größten Tageszeitungen der USA allerdings sind im Schnitt sieben Dokumentare ganztags und einer in Teilzeit beschäftigt. Natürlich gibt es unter diesen Tageszeitungen einige sehr große, aber die durchschnittliche Tagesauflage liegt bei 193.445. Das wäre in etwa die Größenordnung von "OÖN" oder "Kleiner Zeitung".

Ein Blick in die Bundesrepublik Deutschland erlaubt einen geographisch näherliegenden Vergleich: 

 Redaktionsarchive von Presseverlagen in der BRD

 

Mitarbeiter:

 

Bestände:

     
   

davon

Freie:

Ausschnitte:

Dossiers:

Bücher:

Fotos:

(Papier)

Spiegel

105

5

15000000

600000

30000

1000000

Gruner+Jahr

96

13

6500000

   

1300000

Frankfurter

Allgemeine

51

8

15000000

75000

5000

350000

Axel-Springer Verlag

39

1

18000000

180000

65000

 
Burda Archiv

24

 

200000

   

4000000

Süddeutsche Zeitung

20

2

8000000

     
Nürnberger

Nachrichten

19

4

   

5000

1000000

Heinrich Bauer

Verlag

15

1

5000000

     
Frankfurter Rundschau

15

         
Handelsblatt

14

 

3000000

   

85000

Quick-Verlag

13

1

4500000

     
Die Welt

13

 

6000000

 

5000

 
Frankfurter SocietätVerlag

10

 

15000000

   

1500000

Badische Zeitung

7

1

3000000

100000

250

70000

Hessische Niedersächsische

5

2

700000

     
Westdeutsche Allgemeine

5

   

200000

4000

 
Hannoversche Allgemeine

4

2

545000

30000

3238

100000

Saarbrücker Zeitung

4

1

500000

 

2000

100000

Mannheimer Morgen

4

     

70

 
General-Anzeiger

3

         
Badische Neueste

3

         
Westfalen Blatt

3

 

180000

11500

   
Wiesbadener Kurier

3

 

1760000

26500

1008

161800

Zeitungsverlag Aachen

3

         
Rhein Zeitung

3

1

       
Nordsee Zeitung

3

2

45000

 

3500

30000

Augsburger Allgemeine

2

 

500000

   

10000

Darmstädter Echo

2

1

710000

50

1450

75400

Schwarzwälder Bote

2

1

       
Gießener Anzeiger

2

2

       
Ruhrwort

2

2

130000

1300

   
Schwäbisches Tagblatt

2

1

       
Ruhr-Nachrichten

2

 

100000

   

40000

Main Echo

1

 

210000

1050

600

10000

Solinger Tagblatt

1

   

160

 

20000

Nordwest-Zeitung

1

 

122000

17000

210

100000

Fränkische

Landeszeitung

   

2000

   

5000

Stuttgarter

Nachrichten

   

3000000

   

125000

 

501

51

       

Ohne Berücksichtigung des Anteils an freien Mitarbeitern ergibt diese Aufstellung für die Redaktionsarchive der BRD eine durchschnittliche Beschäftigtenzahl von 13. Oder, um es in einen polemischen Vergleich zuzuspitzen: In ganz Österreich sind weniger Pressedokumentare und Dokumentarinnen beschäftigt als alleine bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".Das zur Einordnung der österreichischen Situation in internationale Größenordnungen herangezogene Zahlenmaterial läßt wegen der verschiedenen Entstehungskontexte sicherlich keinen unmittelbaren Vergleich im Maßstab 1:1 zu. Aber die eklatante Unterdotierung österreichischer Printredaktionen mit dokumentarischem Personal ist nicht von der Hand zu weisen.

5.2.1.2 Bestände / Technologie / Ressourcen

Der größte Teil der Bestände in österreichischen Redaktionsarchiven ist konventionelles Text- und Fotomaterial, das in der Regel jener Struktur entspricht und mit jenen Verfahren erschlossen, verwaltet und vermittelt wird, die in Kap. 3 dargelegt sind. Die technische Infrastruktur besteht aus den üblichen Komponenten. Es existieren meistens mehrere Telefonanschlüsse, häufig Kopiergeräte, Stahlschränke oder Regale, in zwei Fällen Rotomatschränke, ein Großteil der Archive arbeitet in irgendeiner Form mit Mikrofilmtechnologie und verfügt über Betrachtungsgeräte und Rückvergrößerer. Ein eigenes Faxgerät besitzt nur eine Dokumentationsstelle. Der Status der Beschäftigten ist größtenteils jener von kaufmännischen Angestellten. Die regelmäßige Teilnahme an Redaktionskonferenzen ist bei einigen Dokumentationsstellen üblich. Ein Zusammenhang zwischen dem Redakteurstatus und der Teilnahme an den Konferenzen besteht nicht.Online-Recherche in internationalen Datenbanken wird nur in zwei Pressearchiven praktiziert. Eines davon ist auch in der Lage, seine Recherchekosten zu nennen, und gibt diese mit ca. S 10.000 im Monat an.

Drei Beobachtungen sind es wert, ausführlich beschrieben zu werden, vor allem, weil sie Anzeichen für Dynamiken sind, deren Entfaltung vermutlich einen beträchtlichen Einfluß auf zukünftige Dokumentationsarbeit haben wird.Das ist einerseits die Nutzung von Personalcomputern als Indikator für den Umgang mit neuen Technologien schlechthin. Als zweites ein vielfach geäußerter Bedarf nach neuen Möglichkeiten der Fotoarchivierung.. Und last not least die Entwicklung der "Austria Presseagentur" zu einem nationalen Hostbetreiber für Medienvolltext. 

5.2.1.2.1 Personalcomputer

Nicht alle Pressearchive, die besucht wurden, verfügen über einen PC, aber doch die meisten. Nur in einem Fall sind mehrere Geräte vorhanden. Diese sind obendrein in einem Netzwerk verbunden. Die Geräte entsprechen überwiegend nicht der neuesten technologischen Generation, was allerdings auf dem schnellebigen Sektor der Mikroelektronik nicht unbedingt zu erwarten ist. Die hauptsächliche Verwendung der PCs liegt im Betrieb von Hinweisdatenbanken, die als zusätzliche Erschließungs- und Findhilfe verwendet werden. In einem Fall wird das zu einem Thesaurus ausgebaute Ordnungssystem verwaltet. Bei den eingesetzten Datenbankprogrammen handelt es sich zwar um bedienungsfreundliche, aber die grundsätzlichen Möglichkeiten des Datenbankretrieval nur beschränkt ausnutzende handelsübliche Software wie z.B.: F&A, LARS, LIDOS oder FILEMAKER. Üblicherweise werden mehrere verschiedene Dateien mit einem jeweils spezifischen Datensatzaufbau geführt. Die thematische Breite dieser zusätzlichen Erschließung läßt sich am besten in einer beispielhaften Aufzählung darstellen:

Die Kompetenz zur Einrichtung und Wartung dieser Datenbanken (nicht der Inhalte, sondern der grundsätzlichen Struktur) liegt in den überwiegenden Fällen außerhalb des Archivs und beruht in der Regel auf Gefälligkeitsleistungen. Die Datenbankstrukturen stammen beispielsweise: "von einem Bekannten", "von einer Studentin, die im Sommer hier gearbeitet hat", "von einem netten Herrn in der EDV-Abteilung". In solchen Organisationsmustern spiegelt sich die grundsätzliche Einstellung vieler Verlage, daß die Dokumentationsstelle möglichst nichts kosten soll. Mit diesem Vorbehalt wird allerdings den Herausforderungen der Informationsgellschaft nicht zu begegnen sein. Die Möglichkeiten des PCs, Datensammlungen vielfältig und flexibel zu organisieren und zu nutzen, werden auf die geschilderte Weise zwar immerhin, aber insgesamt in zu geringem Ausmaß beansprucht. Medienarchiven wird eine umfassende PC-Kompetenz in die eigene Hoheit gegeben werden müssen. Mit der allmählich nachwachsenden Generation von Dokumentaren und Dokumentarinnen wird dies leichter möglich sein als bisher, weil diese mit der Mikroelektronik schon durch Schule oder Studium vertraut sind. Auch die Informationstechnologie wird immer leistungsfähiger, komfortabler und gleichzeitig kostengünstiger. Das weitgehend ungenutzte Leistungspotential von PCs in Medienarchiven reicht über die erwähnten Beispiele hinaus von der Telekommunikation über die Arbeitsorganisation bis zum Layout von Rechercheergebnissen. Auch die Einbindung der steigenden Zahl von Datensammlungen, die auf CD-ROM angeboten werden, ist über einen entsprechend ausgestattenten PC möglich. Die medienrelevanten CD-ROM Angebote reichen von Lexika bis zu ganzen Jahrgängen des "Spiegel" im Volltext. 

5.2.1.2.2 Fotoarchivierung

Die Archivierung von Fotografien in den Medienarchiven ist bislang wenig spektakulär abgelaufen. Die in einzelnen Verlagen bis in den Millionenumfang reichenden Bestände an S/W-Papierabzügen werden üblicherweise in konventionellen Ablagen (Mappen, Kuverts) aufbewahrt und sind durch grobe hierarchische Ordnungssysteme erschlossen. Eine Trennung in Dokumentationseinheiten und dokumentarische Bezugseinheiten ist bei S/W-Fotos im allgemeinen nicht üblich. In einem Fall ist das System so pragmatisch konstruiert, daß die Fotos gemeinsam mit den Zeitungsausschnitten in denselben Themenmappen aufbewahrt werden. Bisweilen kommt es vor, daß die Verwaltung der Fotografien nicht ins Archiv integriert, sondern separat organisiert ist, direkt bei den Fotografen etwa. Mit der stärkeren Berücksichtigung von Bildern in Layouts, der vermehrten Produktion illustrierter Beilagen und der Forcierung des Farbdruckes ändern sich die Anforderungen an Fotoarchivierung sowohl in qualitativer als auch in quantitativer Hinsicht stark. Das Material wird wesentlich öfter und vielfältiger genutzt, gleichzeitig ist Farbmaterial in Form von Papierabzügen nur bedingt für die Zeitungsproduktion brauchbar. Am besten scheinen Dias geeignet. Dazu kommt, daß, wie schon ausgeführt, Fotografien zur Klasse des Produktionsmaterials (im Gegensatz zu Informationsmaterial) gehören, dessen Bedeutung für Medienbetriebe durch seine grundsätzliche Vermarktungsfähigkeit insgesamt zunimmt. Durch diese Entwicklung, die einen äußeren Ausdruck in stärkerer Sensibilität für den Copyrightbereich gefunden hat, sind Verlage gezwungen, für ihren Illustrationsbedarf immer mehr Geld auszugeben. Das legt den Gedanken nahe, durch effiziente Bewirtschaftung von Fotografien eine Menge Geld sparen und vielleicht auch etwas einnehmen zu können.

Fakt ist auf jeden Fall, daß in so gut wie allen Printarchiven, soweit sie auch für Fotografien zuständig sind, derzeit dringend nach neuen Möglichkeiten der Fotospeicherung und Erschließung gesucht wird. Die Bereitschaft, substanziell zu investieren, scheint beträchtlich zu sein, weil in mehr als einem Fall eine vollständige Digitalisierung der zukünftigen Bildbestände ins Auge gefaßt wird. 

5.2.1.2.3 Volltextdatenbanken

Es gibt keine Möglichkeit, die Zukunft der Zeitungsarchivierung in Östereich zu skizzieren, ohne die "Austria Presseagentur" in dieses Szenario einzuschließen. Mit ihrem Entschluß, sich als Hostbetreiber zu etablieren, hat die APA eine Dynamik ausgelöst, die kaum ein Zeitungsarchiv unberührt gelassen hat. Heute deponieren sehr viele Tageszeitungen ihre Volltexte im Host der APA, und Österreich hat auf diesem Gebiet auch der BRD eindeutig den Rang abgelaufen.Zum Zeitpunkt der Erhebung im Jahre 1993 waren folgende österreichischen Zeitungen und Zeitschriften im Volltext in der APA recherchierbar: 

 Österreichische Printmedien in der APA Volltextdatenbank

 

fortlaufend gespeichert seit:

Der Standard

25.9.1990

Presse

2.9.1991

Kurier

1.1.1992

Salzburger Nachrichten

10.6.1992

Option

Juli 1992

 Über die obenstehende Tabelle hinaus ist, um die Szene vollständig zu beschreiben, auf den österreichischen Volltextpionier OÖN hinzuweisen, der bereits seit dem Jahre 1986 eine eigene Inhouse-Datenbank betreibt. Von den Volltextbeständen der Tageszeitungen, die bei der APA eingelagert sind, wird allerdings nur einer von seinem Produzenten durch regelmäßige Beschlagwortung ergänzt und damit nachträglich dokumentarisch aufbereitet. Dazu wird ein Beschlagwortungsprogramm mit der Bezeichnung "DESK" eingesetzt, das im Leistungsangebot der APA enthalten ist. Dieses Programm unterstützt eine Indexierung mittels hierarchischer Begriffsketten (syntaktische Beschlagwortung), mit denen die Ablage- und Recherchepraxis in konventionellen Ausschnittarchiven (vom Allgemeinen zum Besonderen) simulierbar ist und gleichzeitig alle Möglichkeiten der postkoordinierten Suche genutzt werden können. Auch die Mehrfachablage ist durch Vergabe mehrerer Schlagwortketten nachgeahmt. Das Ergebnis sind virtuelle elektronische Dossiers. Im Archiv jener Tageszeitung, in der die beschriebene Praxis einer lückenlosen Indexierung des Volltextbestandes beobachtet werden konnte, wird dieser Datenbestand von der Dokumentationsstelle auch tatsächlich als Kernelement der Vermittlungsarbeit genutzt. Die zusätzliche Archivierung von Zeitungsausschnitten wird im entsprechenden Zeitungsverlag nicht mehr vorgenommen.

Die restlichen Volltextbestände ergaben sich zur Zeit der Erhebung lediglich aus der technischen Überspielung der täglichen Texte aus dem Produktionssystem. Abgesehen von der fehlenden Beschlagwortung ergeben sich so auch Defizite wie jenes, daß nach Kolumnentiteln, sofern sie Teil des Layouts und nicht Teil des Textes sind, in der Datenbank nicht gesucht werden kann. Die Dokumentare in diesen Zeitungen geben selbst an, das Volltextsystem nur in geringem Ausmaß einzusetzen, weil der bloße Volltext für den Großteil ihrer Fragestellungen nicht hilfreich sei. Deshalb ist es in diesen Archiven auch weiterhin notwendig, die konventionelle Ausschnittarchivierung des eigenen Produkts parallel zur elektronischen Speicherung zu betreiben. Es ist deutlich zu erkennen, daß die Volltextarchivierung in vielen Verlagen eine Initiative der Geschäftsführung war und über die Köpfe der Dokumentare hinweg erfolgt ist. Daß der maßgebliche Grund für diese Einführung in vielen Fällen auf reine Einsparungsüberlegungen zurückzuführen ist, lassen Fälle vermuten, in denen infolge des neuen Systems überhaupt kein Textarchiv mehr existiert bzw. in denen ausscheidende Mitarbeiter nicht mehr nachbesetzt wurden. Mittlerweile scheint sich die erste Phase der Volltexteuphorie abzukühlen. Das Ziel der APA, bis zum Frühjahr 1992 alle österreichischen Tageszeitungen in ihrem Host aufzulegen, konnte nicht erreicht werden. Die APA hat zwar ein technisch ausgereiftes und herausragend bedienungsfreundliches System vorgelegt, aber es zeichnen sich Nutzungsbarrieren ab. Diese scheinen auch im Kostenbereich zu liegen. Tageszeitungen, die noch keine Volltextarchivierung betreiben, lassen durchblicken, daß sie auch die Möglichkeit einer Inhouse-Lösung via eigener EDV erwägen. Dabei kann es sich aber auch um reine Verhandlungsargumente handeln, um bessere Konditionen bei der APA zu erzielen. Eigentlich widerspricht es der Wirtschaftslogik, daß eine Einzellösung billiger kommen kann als eine Anwendung, bei der die Fixkosten etwa von Betrieb, Wartung und Know How aufgeteilt werden können.

Es kann einem nicht egal sein, wenn der gute und auch dokumentarisch wünschenswerte Ansatz einer umfassenden Volltextspeicherung aller österreichischer Tageszeitungen dadurch seines Potentials beraubt würde, daß er von den Geschäftsführungen der Printverlage lediglich als Möglichkeit gesehen wird, das Archivpersonal zu reduzieren. Auf den ersten Schritt der Einführung und Etablierung der Volltextinfrastruktur muß ein zweiter der umfassenden dokumentarischen Aufwertung der Bestände folgen. Verantwortlich dafür sind die jeweils produzierenden Verlage, die im entsprechend notwendigen Ausmaß dokumentarisches Personal für die Indexierung und Wartung ihrer Volltextbestände finanzieren müssen. Die internationalen Erfahrungen lassen nicht erwarten, daß Journalisten oder externe Kunden unaufbereitete Volltexte akzeptieren werden. Die konkrete Nutzung von Volltextdatenbanken wissenschaftlich zu bearbeiten, ist wohl jene Folgeforschung, die im Anschluß an diese Arbeit am dringendsten geboten zu sein scheint. Speziell in Österreich, das sich diesbezüglich in einer europäischen Spitzenposition befindet und, selten genug, eine Vorreiterrolle übernommen hat. Noch ist die zukünftige Entwicklung offen und gestaltbar. Es wäre schade, wenn das, was als Informationspark angelegt ist, letztlich nur als Datenfriedhof genutzt würde. 


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