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Das Informationsanbebot für Wissenschaft & Wirtschaft
14.Jahrgang 1994, Heft 1-2 S.21

Gerhard Stanz 
Archiv- und Dokumentationsarbeit in österreichischen Printmedien

In allen Printmedien Österreichs zusammengenommen sind weniger DokumentarInnen beschäftigt als in der BRD alleine bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Die berufliche Identität dieser spärlichen Schar wiederum ist derart diffus, daß neun Befragte in einem amtlichen Formular sieben verschiedene Berufsbezeichnungen angeben. Gleichzeitig hat Österreich derzeit eine europäische Spitzenposition in der elektronischen Archivierung von Zeitungsvolltexten inne. Dies ist ein Bericht über ein vernachlässigtes Berufsfeld und eine Ressource mit unterschätztem Zukunftspotential.

Über die österreichischen Pressearchive und ihre Arbeit ist - auch in der Fachöffentlichkeit - nur wenig bekannt. Das fällt vor allem auf, wenn man die Situation in der Bundesrepublik Deutschland kennt, wo es eine sehr intensive und bereits weit zurückreichende theoretische Auseinandersetzung mit Mediendokumentation gibt. Aber auch in den USA hat die "Newspaper-Library", vor allem durch das Aufkommen der elektronischen Volltextarchivierung, ein spezielles wissenschaftliches Interesse hervorgerufen.

Der vorliegende Aufsatz beruht auf dem Datenmaterial einer publizistikwissenschaftlichen Diplomarbeit, die der Autor 1994 unter dem Titel "Medienarchive - Analyse einer unterschätzten Ressource" vorgelegt hat, und in der erstmals eine gesamthafte Darstellung der österreichischen Pressearchivszene vorgenommen wird (1) 

Personalstand: Das große Manko

In ganz Österreich sind ca. 40 Personen ganztags und 50 bis 60 in Teilzeit als Pressearchivare oder -dokumentarinnen beschäftigt. Das ergibt durchschnittlich 3,38 Vollbeschäftigte pro Verlag (wegen der Vergleichbarkeit nur aus jenen Betrieben errechnet, die angaben, mehr als einen hauptberuflichen Mitarbeiter zu beschäftigen)

Die eklatante Unterdotierung österreichischer Redaktionen mit dokumentarischem Personal wird vor allem im internationalen Vergleich deutlich.

In den Pressearchiven der BRD sind im Schnitt 13 Mitarbeiter angestellt. Spitzeninstitute wie der "Spiegel" oder "Gruner+Jahr" beschäftigen jeweils um die 100 dieser Fachkräfte, aber auch in der "FAZ" arbeiten mit rund 50 hauptberuflichen Dokumentationsmitarbeitern noch immer mehr als in ganz Österreich. In den größten Tageszeitungen der USA sind durchschnittlich 7 DokumentarInnen beschäftigt. Der Vergleich mit Österreich ist durchaus zulässig, da sich die mittlere Auflage dieser US-Tageszeitungen um 190.000 Stück bewegt. Das liegt etwa in der Größenordnung von "OÖN" bis "Kleiner Zeitung" (2).

Technologien: Clipping vs. Volltext

Das dominierende technische Verfahren der Textdokumentation ist - so anachronistisch dies klingen mag - nach wie vor die konventionelle Ablage von Zeitungsausschnitten. Gleichzeitig spielt Österreich derzeit eine europäische Vorreiterrolle in der elektronischen Volltextarchivierung. Um diesen Widerspruch erklären zu können, ist es notwendig etwas auszuholen:

Die Vision der zentralen Online-Bereitstellung sämtlicher Medienvolltexte eines Großraumes ist nicht neu. Sie wurde stets mit dem Hinweis geführt, in wievielen Institutionen (Medienarchiven, Presseabteilungen von Wirtschaftsunternehmen, Parteien etc.) tagtäglich um teures Geld im Grunde die immer gleiche Arbeit des Auswählens, Ausschneidens und Archivierens aus immer denselben Periodika, z.B. für Pressespiegel, geleistet würde.

Dieses Synergiepotential hatte die "Austria Presseagentur" wohl im Auge, als sie sich entschloß, als Hostbetreiber für Medienvolltext tätig zu werden. Die Startphase des Projektes kann - auch im internationalen Vergleich - als ausgesprochen gelungen angesehen werden (3). Mittlerweile sind 5 österreichische Tageszeitungen und ein Nachrichtenmagazin im Volltext Online bei der APA recherchierbar. Der Vollständigkeit halber ist zusätzlich auf die "OÖN" hinzuweisen, die ein eigenes System betreiben.

Das ergibt für Österreich eine wesentlich höhere Volltextdichte als in der BRD, wo diese Archivierungsform erst allmählich aufkommt, und entspricht voll dem Trend in den USA, dort verfügten schon im Jahre 1990 fast 70% der großen Tageszeitungen über ein elektronisches Online-Archiv´.

Volltext: Nutzungsbarrieren programmiert

Betrachtet man allerdings die Praxis der Volltextarchiverung im Detail, so finden sich in vielen Fällen Nutzungsbarrieren, die der Eingeweihte schon aus der internationalen Literatur kennt (4). Volltext eignet sich zwar ausgezeichnet für Recherchen nach dem "Stecknadel im Heuhaufen"-Muster, ist aber für sich alleine kaum ausreichend, um in vertretbarer Zeit Überblicke her- oder Zusammenhänge darzustellen. Wahrnehmungspsychologisch wird häufig der Verlust von Layout und Schriftbild beklagt, im dokumentarischen Bereich die mangelnde Systematisierung durch Oberbegriffe.

Volltexarchivierung bedeutet bei den meisten österreichischen Printmedien leider nichts anderes als die allabendliche Umschüttung der vorliegenden Buchstabensuppe aus dem Produktionscomputer in den Archivierungscomputer. Distinkte Einheiten wie Titel und Untertitel bleiben zwar separat erhalten, Kolumnentitel aber können - sofern sie Teil des Layouts sind - dabei schon verloren gehen. Eine umfassende Nachbearbeitung der derart am APA-Host eingelagerten Bestände wurde zum Zeitpunkt der Erhebung nur in einem einzigen Verlag vorgenommen. Durch eigens beschäftigte Mitarbeiter werden dort jedem Artikel Schlagwortketten zugeordnet, um den inhaltlichen Hauptgegenstand eindeutig zu beschreiben. Vor allem gegenüber der metaphernreichen journalistischen Sprache ist diese Vorgangsweise unverzichtbar. In diesem Verlag ist das elektronische Archiv auch als tatsächliches Rückgrat der Dokumentationsarbeit in Verwendung.

Zweigleisigkeit: Papierablage trotz Volltextsystem

In anderen Verlagen, sofern das Archiv nach der Einführung des Volltextsystems nicht überhaupt aufgelöst worden ist, findet weiterhin parallel zur Volltextarchivierung die konventionelle Papierablage statt. Teils bestehen die Redakteure auf den gewohnten Layouts, teils scheint den Dokumentaren die Übertragung ihres in jahrelanger Präzisierungsarbeit entwickelten Ordnungssystems auf das elektronische Archiv nicht möglich. Das neue technische System wurde häufig in Zusammenarbeit von Geschäftsführung und EDV über die Köpfe der DokumentarInnen und Redakteure hinweg eingeführt und dabei eher als Einsparungs-, denn als Produktivtechnologie aufgefaßt. Das mag angesichts der wirtschaftlichen Situation des Printmediensektors verständlich sein, jedoch nicht gemessen an den Herausforderungen der Informationsgesellschaft. Gerade die fortschreitende informationstechnologische Vernetzung (Stichwort: "Information-Highway") wird Märkte für Online-Medien hervorbringen, die, angefangen von Technik, Gestaltung, Dokumentation, Benutzerforschung bis hin zum Marketing, eben jenes Know How erfordern werden, welches bereits jetzt mit dem professionellen Betrieb und der umfassenden Ausnutzung von Volltextdatenbanken in einem Host erworben werden kann und auch sollte.

Digitale Faksimilespeicherung: Nicht durchgesetzt

Archivierungslösungen, die auf eingescannten Faksimiles der Dokumentationsobjekte (Artikel, Abbildungen) beruhen, werden zwar von allen ArchivleiterInnen - auch ergänzend zu Volltextsystemen - als Wunschvorstellung angesprochen, sind aber in der Praxis nirgends in Anwendung. Wesentlich zu hohe Systemkosten, der gigantische Speicherplatzbedarf, aber auch unwirtschaftliche Manipulationszeiten sowie die allgemeine Unsicherheit gegenüber neuen Technologien werden als Begründungen genannt.

Den ständigen technologischen Wandel, also die Gratwanderung zwischen der Möglichkeit entweder den Anschluß an die technische Entwicklung zu verpassen oder aber zu früh auf die falsche Technologie zu setzen, führen die ArchivleiterInnen überhaupt als eine ihrer größten Herausforderungen an.

Internationale Datenbankrecherchen: Wenig Erfahrung

Online-Recherchen in internationalen Datenbanken spielen eine insgesamt geringe Rolle für die Informationsarbeit der österreichischen Pressedokumentationsstellen. Nur vereinzelte verfügen über die notwendige Infrastruktur und haben vor allem auch entsprechende Erfahrungen gesammelt. Häufig werden die hohen Kosten der Online-Recherche als Nutzungsbarrieren genannt. So ist es im allgemeinen nicht zulässig, das teure Werkzeug für unwichtige Recherchen einzusetzen, wenn es dann allerdings tatsächlich benötigt wird, fehlt die Routine, um es optimal zu nutzen.

Konkret bedeutet dies, daß die Dokumentationsstellen vieler Redaktionen den publizistischen Herausforderungen des österreichischen EU-Beitritts unvorbereitet gegenüber stehen.

Potentiale: Die unterschätzte Ressource

Gerade in Kenntnis der relativ geringen Bedeutung dokumentarischer Ressourcen für die österreichischen Printmedien scheint es wichtig, auch einen Überblick über deren grundsätzliches Leistungsangebot zu geben. Diese Leistungen und Funktionen sind derart vielfältig, daß hier nur die interessantesten stichwortartig angerissen werden können.

Die Pressearchive stellen eine genuin journalistischen Informations-Infrastruktur dar und sichern damit die Informationsautonomie des Systems Journalismus etwa gegenüber immer professioneller agierender Öffentlichkeitsarbeit (5). Sie sind eine wesentliche Ressource für die spezifische Medienleistung der Hintergrundberichterstattung und Zusammenhangsetzung, auf die sich vor allem Printmedien in Auseinandersetzung mit der elektronischen Konkurrenz immer stärker spezialisieren müssen (6). Die Medienarchive sind obendrein eine zentrale Instanz des Leserservices und damit der Leser/Blatt-Bindung. Selten kommen weniger als 1/3 aller Anfragen an die Archive von Seiten der Leser. Dokumentationsbewußtsein bei Printmedien würde bedeuten, als Abonnentengeschenke anstatt Toastern, Fernsehgeräten (!) oder Badezimmerwaagen beispielsweise Recherche-Schecks für das elektronische Zeitungsarchiv zu offerieren.

Potentiale: Archive als autonomer Ertragsfaktor

Gut geführte Medienarchive sind - vor allem durch die neuen Technologien - immer mehr in der Lage, selbständig Erträge zu erwirtschaften. Die Palette der Möglichkeiten reicht von den erwähnten öffentlich aufliegenden Volltextbeständen über CD-ROM Editionen oder spezielle Recherchedienste bis hin zur entgeltlichen Betreuung von Fremdredaktionen. Sowohl in der BRD als auch in Österreich haben sich neu entstandene Nachrichtenmagazine die dokumentarische Betreuung durch ein entsprechend leistungsfähiges etabliertes Archiv pauschaliert zugekauft.

Aber auch als Imagefaktor läßt sich eine effiziente und kenntnisreiche Dokumentationsabteilung einsetzen. Gerade im Informationszeitalter und gerade in einer Zeit, in der manche Medienprodukte immer ununterscheidbar ähnlicher werden. Die Imagefacette, in Östereich "Dokumentationsjournalismus" zu betreiben, ist sicherlich nicht geschenkt zu haben, aber im Vergleich zu anderen Möglichkeiten, sich qualitativ von Konkurrenzprodukten abzuheben, noch relativ billig. Im großen Maßstab hat zumindest der "Spiegel" vorgezeigt, wie man ein professionell geführtes Archiv in einen Mythos verwandelt.

Berufssituation: Diffuse Identität

Der Status der in österreichs Medienarchiven Beschäftigten reicht von befristeten Formen freier Mitarbeiterschaft über kaufmännische Angestellte bis zu RedakteurInnen. Als Redakteure sind, im Gegensatz zur Bundesrepublik, allerdings nur die wenigsten beschäftigt. Die Tendenz, dieses Anstellungsverhältnis zuzugestehen, ist obendrein rückläufig.

Eine unmittelbare Berufsorganisation, mit der sich die DokumentarInnen identifizieren, gibt es nicht. Wenig verwunderlich daher auch die spärliche Palette an organisierten Aus- oder Fortbildungsangeboten. Sogar die berufliche Identität ist derart diffus, daß neun Befragte MediendokumentarInnen sieben verschiedene Berufsbezeichnungen angeben, wenn sie ein amtliches Formular ausfüllen.

Ausblick: Ansätze zur Weiterentwicklung

Bei der Berufsarbeit muß auch vordringlich ansetzen, wer die österreichische Situation weiterentwickeln möchte. Eine Verstärkung und Koordinierung der bestehenden Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten verbunden mit anwendungsorientierten, technologiebezogenen Forschungsprojekten wären wichtige Impulse für diesen zukunftsträchtigen Mediensektor. Von den einzelnen Medienbetrieben ist kaum Initiative zu erwarten. Die ArchivleiterInnen gehen für die nächsten 5 Jahre einhellig von einer stagnierenden bis fallenden Entwicklung der maßgeblichen Kennzahlen - Budget und Mitarbeiterstand - aus.

Die Medien- und Informationswirtschaft ist ein volkswirtschaftlicher Schlüsselsektor. Dokumentarisches Personal ist Schlüsselpersonal für die Informationsgesellschaft. Medienstoff schließlich ist ein Schlüsselrohstoff für publikumsorientierte vernetzte Informationsanwendungen.

Internationale Beispiele zeigen, daß genau in den Kulturtechniken der MediendokumentarInnen ein beträchtlicher Teil jenes Potentials steckt, Anwendungen zu entwikeln und zu betreiben, mit denen die Glasfaserkabel, die heute allenthalben vergraben werden, erst Sinn bekommen.

Anmerkungen:

(1) Gerhard Stanz: Medienarchive. Analyse einer unterschätzten Ressource. Archivierung, Dokumentation und Informationsvermittlung unter besonderer Berücksichtigung von Pressearchiven. Diplomarbeit, Wien 1994

(2) Jean Ward, Kathleen A. Hansen: Journalist and Librarian Roles, Information Technologies and Newsmaking, in: Journalism Quarterly 1991/3, S. 491 ff.

(3) Wolfgang Schöhl: Die Akzeptanz von Online-Datenbanken in den Medien. Eine Umfrage unter Mediendokumentaren, Journalisten und Hosts, in: Info 7 1993/1, S. 11 ff

(4) Raya Fidel: Who Needs Controlled Vocabulary?, in: Special Libraries 1992/1, S. 1 ff. Arlene Long: Full Text Newspaper Retrieval is hard to manage. Fact or Fiction? in: Martha E. Williams u.a.: National Online Meeting. Proceedings, New York 1988

(5) Eckhard Rahlenbeck: Recherche hat Ruh´. Chancen der Informations- und Dokumentationssysteme für die journalistische Recherche, in: Wolfgang R. Langenbucher, Hrsg.: Journalismus & Journalismus. Plädoyers für Recherche und Zivilcourage, München 1980

(6) Siegfried Quandt, Dietrich Ratzke: Hintergrundinformation als journalistische Aufgabe. Praktische Erfahrungen - theoretische Perspektiven, in: Publizistik 1989/1, S. 117 ff.


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